Bericht von den Veranstaltungen des Südtiroler Forstvereines

Alte Sprache, frischer Käse, junge Wälder –
Lehrfahrt auf die Hochebene von Asiago

Mit Asiago verband ich bisher lediglich drei eher verschwommene Begriffe: Hochebene, Käse und Zimbern. Nach der Teilnahme an der Lehrfahrt des Forstvereins in diese Gegend vom 12. – 14. September 2018 wurden mir diese Begriffe klarer. Und es kamen noch drei weitere hinzu: junge Wälder, weite Almen und Erster Weltkrieg. Aber der Reihe nach.


Geschichtliches zur zimbrischen Sprachinsel


Nach der Anfahrt und dem Mittagessen im Hotel Milano in Asiago (Sleghe) folgte eine forstliche Exkursion in die umliegenden Wälder. Unser Führer, Brigadiere capo Domenico de Guio, begrüßte uns auf Zimbrisch „Bolkeut in Hoke Ebene bon Siben Komoine!“ (Willkommen auf der Hochebene der Sieben Gemeinden) und gab einen kurzen Rückblick auf die Geschichte, die sprachliche Tradition sowie auf die Geographie und Wirtschaft des Gebiets, den ich im Folgenden etwas ergänze. Diese Hochebene wurde zwischen 1050 und 1100 von bairischen Bauern besiedelt. Die sieben ursprünglichen Orte schlossen sich zum Bund der Sieben Gemeinden (Spettabile Reggenza dei Sette Comuni) zusammen, die 1310 bis 1807 eine weitgehend eigenständige Bauernrepublik bildeten. 1807 hob Napoleon das Sonderstatut der Sieben Gemeinden auf und beendete damit ihre Eigenständigkeit. Schon 1796 war das Gebiet zusammen mit Venetien zu Österreich gekommen und dann 1815 nach den napoleonischen Wirren erneut. Ironischerweise führte die österreichische Verwaltung in Unkenntnis der Geschichte die italienische Schul- und Amtssprache ein und leitete damit die Italianisierung der Hochebene ein. 1866 wurde die Hochebene mit Venetien an das Königreich Italien angeschlossen, wodurch die Italienisierung beschleunigt wurde. Das Zimbrische, diese traditionelle deutsche Sprache, die bis zum Ende des 18. Jahrhunderts noch Kirchen- und Amtssprache gewesen war, wurde nun in die Privatsphäre verdrängt. Nach dem Kriegseintritt Italiens im Ersten Weltkrieg verlief die italienisch-österreichische Front durch die Hochebene der Sieben Gemeinden. Die Einwohner wurden in die Poebene umgesiedelt, wo sie den Gebrauch ihrer deutschen Mundart aufgeben mussten, um von der italienischen Bevölkerung nicht als Feinde und Verräter betrachtet zu werden. Zur Zeit des Faschismus wurde das Zimbrische verboten, aber trotzdem in den Familien noch gepflegt. Heute wird diese alte deutsche Mundart nur mehr von wenigen Einwohnern der Gemeinde Roana (Robaan) gesprochen. Sie lebt aber in den zweisprachigen Ortsnamen, vielen Flurnamen, Inschriften, Familiennamen und Ausdrücken des bäuerlichen Lebens weiter. Und die Identifikation mit der zimbrischen Geschichte und Tradition nimmt wieder zu.


Charakteristika der Hochebene von Asiago


Die Hochebene von Asiago umfasst eine Fläche von 560 km² mit einer mittleren Höhe von 1317 m. Ca. 90% der Fläche ist weder Privatbesitz noch Domanialgut, sondern Gemeinschaftsbesitz der eingesessenen Einwohner. Die Teilhaber der Gemeinnutzungsrechte (usi civici) werden in eigenen Registern erfasst. Der Gemeinschaftsbesitz ist unveräußerlich, unteilbar und für ewig an die Zweckbestimmung für die Gemeinschaft gebunden. Diese Besitzregelung geht auf die Regentschaft des Bundes der Sieben Gemeinden zurück.
Klimatisch zählt die Hochebene von Asiago zu den niederschlagsreichsten und kältesten Gebieten in Italien. Durchschnittliche Niederschlagsmenge von 200 mm im Monat, 2 bis 6 m Schnee im Winter. Wegen des karsthaltigen Bodens versickert das Wasser schnell. Unterirdisch haben sich aber große Seen gebildet, deren Wasser über große Trinkwasserleitungen zu den Dörfern geführt werden. Aufgrund der Schneesicherheit und der trockenen Kälte hat sich die Region zu einem beliebten Wintersportgebiet entwickelt, mit dem Schwerpunkt auf Langlauf (auf 500 km). Im Sommer steigt die Bevölkerungszahl durch die Touristen und die vielen Besitzer von Zweitwohnungen von 21.000 auf ca. 100.000 Personen.


Junge Wälder


Die Wälder bedeuteten Jahrhunderte lang für die Gemeinden der Hochebene einen großen Reichtum, insbesondere im Handel mit Venedig. Vor dem ersten Weltkrieg war die Hälfte der Katasterflächen bzw. ca. 23.000 ha von Wald bedeckt, der großteils Gemeinschaftsbesitz war. Der Erlös aus dem Holzverkauf erlaubte es den Gemeinden, wichtige öffentliche Strukturen zu errichten und auf die Einhebung von Gemeindesteuern zu verzichten. Dies änderte sich mit dem Ersten Weltkrieg radikal. Durch den Bau der Festigungsanlagen und die dreieinhalb Jahre dauernden erbitterten Kämpfe zwischen Österreich und Italien (von Mai 1915 bis November 1918) wurden 85 % der Wälder zerstört. Der Wald wurde erst ab 1925 wieder neu aufgeforstet, vor allem mit Fichten. Dabei wurden schätzungsweise 10 Millionen Bäume gesetzt. Das Ergebnis sind künstlich wirkende Wälder, mit durchwegs gleich langen, in geometrischen Linien gepflanzten Bäumen. Mancherorts gibt es aber auch Mischwälder, in denen neben Fichten und Tannen auch Ahorn, Eschen, Pappeln, Birken u. dgl. wachsen. Insgesamt gibt es heute auf der Hochebene 32.000 ha Wald.


Weite Almen, Markenkäse Asiago


Beim Ausflug auf den Monte Verena am Donnerstag, 13. September, begrüßte uns der Kommandant des Forstkorps, Colonello Isidoro Furlan, bei der Schutzhütte „Rifugio Verena“. Er erläuterte dabei u.a. die große Bedeutung der Almwirtschaft für die Region. Auf die 80 Almen der Hochebene, vorwiegend Gemeinschaftsbesitz, werden im Sommer über 22.000 Rinder und Schafe getrieben. Auf 60 Almen der Hochebene wird Käse erzeugt, ein Käse mit der kontrollierten Ursprungsbezeichnung DOP. Der Forstkorp ist ähnlich wie bei den Wäldern für die Kontrollen zuständig, und zwar betreffend die Weiden, die Fütterung, die Käserei, die Hygiene usw. Probleme bereiten neben vielen Hirschen und Murmeltieren immer mehr die Wildschweine und die ersten Wolfsrudel.


Spuren des Ersten Weltkriegs


Ein besonderer Programmschwerpunkt der Lehrfahrt bildeten die geführten Besichtigungen von Festungsanlagen aus dem Ersten Weltkrieg: am Donnerstag die Besichtigung der Stellung „Forte Verena“ unter der Führung von Max Gnesotto, und am Freitag die spektakuläre Wanderung zum Monte Cengio mit den dortigen Festungsanlagen, geführt von Monica Fantin. Beim Anblick der Ruinen aus der Kriegszeit, der Erinnerung an die grausamen Kämpfe und das viele Leid und dem herrlichen Rundblick auf „das schönste Hochplateau der Welt“ und die umliegenden Berger kamen sehr gemischte Gefühle auf.

Ein Dankeschön für die vortreffliche Organisation der Lehrfahrt an die üblichen Verdächtigen im Forstverein (Dolores Agostini und Monika Demattia) sowie an die Organisatoren vor Ort (Domenico de Guio und Maresciallo maggiore Mirco Plebs)!

Bericht von Franz Berger