„SportGrenzeWald“ - Wie viel Sport verträgt der Wald
Unter diesem Motto stand eine Vortragsreihe, die der Südtiroler Forstverein am 28. Oktober in Brixen organisierte. Die Vortragsreihe fand im Rahmen des Bergfestivals „International.Mountain.Summit“ statt. Bericht: Christoph Hintner, Ulrike Raffl
Sowohl Gäste als auch Einheimische führen immer mehr Freizeitaktivitäten in der freien Natur durch, wodurch es auch vermehrt zu Reibungspunkten kommt. Hierbei stellt sich die Frage, ob bei den Nutzern auch das ökologische Bewusstsein zugenommen hat.
„Warum Menschen fliegen können müssen“

Der Flying Fox ist mit 1.600 m Länge und einer möglichen Spitzengeschwindigkeit von 130 km/h eine der schnellsten und längsten Stahlseilrutschen der Welt.
Als Beispiel nannte er den „Flying Fox“, eine Kabelfluganlage, die den Menschen dass Gefühl des Fliegens verleiht. Die Flughöhe beträgt auf Ihrem Weg ins Tal bis zu 140 Meter und garantiert eine unvergessliche Aussicht auf die Bergwelt.
Der wichtigste Pluspunkt solcher Anlagen ist, dass sie Lebensfreude vermitteln. Die Entwicklung geht dahin, dass urbane Events immer mehr in die Berge geholt werden (z.B. Tina Turner in Ischgl).

Auch ein neuer Trend, der wahrscheinlich bald die großen Skigebiete aufpeppen wird: Künstliche Wellenanlagen. In dem 7x15 Meter großen Wasserbecken wird durch Pumpen eine stehende Welle erzeugt, auf der mit echten Surfboards wie in Meeres- oder Flusswellen gesurft werden kann. Seit vielen Jahren gibt es im Münchner Eisbach am Haus der Kunst eine stehende Welle, die mittlerweile ein fester Begriff für Surfer aus aller Welt ist. Foto: Jochen Schweizer
„Future Mountain. Zukunftsprognosen für Freizeitaktivitäten im Gebirge“
Einen überaus interessanten Vortrag hielt der Zukunftsforscher Andreas Reiter aus Wien. Wenngleich man doch etwas Englisch können musste, um die vielen Fachbegriffe der Marketingsprache zu verstehen. Für Reiter sind die Alpen bereits heute mit 7,3 Millionen Gästebetten und 460 Millionen Nächtigungen pro Jahr die meist inszenierte Spielwiese der Welt. Die Natur ist dabei die Hardware, also als Instrument, des Bergtourismus.Die Alpen befinden sich für den Zukunftsforscher in den „Wechseljahren“. Steigender Wettbewerbs und Innovationsdruck führt zu Veränderungen. Die Treiber dabei sind der Klimawandel, die steigende kulturelle Diversität der Touristen, das Destination Hopping, und die immer älter werdende Gesellschaft.

Die so genannten Silver Consumer haben die höchste Kaufkraft in Österreich.
Zukünftig werden vermehrt wohlhabende Gäste aus den neuen Wachstumsmärkten Brasilien, Russland, Indien, China und Türkei die Alpen besuchen. Die Gesellschaft und demzufolge auch die Gäste werden außerdem immer älter. Der Gast der Zukunft ist ein aktiver „Silver Ager“, wie Reiter ihn nennt mit jungen Werten, der sowohl Spaß auch Convenience, als Bequemlichkeit im Urlaub sucht.
Die Alpen spielen für den Zukunftsforscher eindeutig in der touristischen Champions League. Wobei sich hier eine Segmentierung der Urlaubsziele in „Hot Spots“ mit Rambazamba und Ballermann und so genannten „Hidden Places“; Geheimtipps also abseits der breiten Masse in Naturparks und Schutzzonen einstellen wird.
Die Menschen suchen das Glück immer mehr im Extremen. Die Gäste erwarten sich in kürzer werdenden Urlaubszeiten umfangreichere Erlebnispakete. Das Leitmotiv dabei ist „maximum emotion in minimum time“, eine Mischung aus Spannung und Entspannung, aus Adrenalin und Chillout.

Das Panorama wird in Szene gesetzt. Wie im Kino kann der Besucher hier in Vöran die Aussicht genießen.
Dabei liegt den Hardcore Sportarten wie z.B. Mountainbikedownhill ein darwinistischer Antrieb zugrunde: Survival of the fittest, der Stärkere überlebt. Das ist nur etwas für Hartgesottene.
Bei den Hybriden Sportarten lösen sich die Grenzen auf, Sportarten der Stadt werden im Gebirge durchgeführt und Gebirgssportarten gehen in die Stadt. Beispiele hierfür sind Slacklining, Free Running, Parcours, Cross Mountain Bike.
Ganz besonders boomen derzeit die so genannten Soft Sports, weiche naturnahe Aktivitäten wie das Wandern, Orienteering und Nordic Walking. Laut einer Studie aus dem Jahr 2008 gehen 57% der Deutschen gerne Wandern. Hauptmotiv ist dabei nicht primär die körperliche Performance, sondern der Genuss an der Natur und Landschaft.
Nachdem sich bis vor 10 Jahren der Alpin-Tourismus in einer Phase der Industrialisierung befunden hat werden heute die Alpen immer mehr in Szene gesetzt. Zunächst vor allem als Funparks und letzthin immer mehr als Mythen-Raum.
Was sich die Gäste der Zukunft wünschen bringt Andreas Reiter zusammenfassend auf folgende Formel: „Adrenalin x Authentizität x Inspiritation“.

Skulpturen lassen die Bergwelt zum narrativen Erlebnisraum werden.
„Outdoor Freizeittrends und ihre Hintergründe“
Es gibt zwar eine Reihe von neuen Outdooraktivitäten, die vor allem schnell, laut und riskant sein müssen, Hauptsache das Adrenalin rauscht in den Adern (wie z.B. beim Basejumpen, wo die Sportler im freien Fall von einem hohen Felsen springen und dann einen Fallschirm öffnen). Tatsache ist aber, dass diese neuen Aktivitäten nur von sehr wenigen Personen ausgeübt werden und dadurch in der Landschaft wenig ins Gewicht fallen. Vielmehr sind es die großen gesellschaftlichen Trends, die sich als neue Belastungen erweisen.
Individualismus und Selbsterfahrung in der Natur: Hauptmotive der Outdoorsportler. Weder die Natur an sich noch das ökologische Interesse stehen bei den Aktivitäten im Mittelpunkt. Der Sportler selbst versucht durch den „intensiven Kontakt“ mit der Natur komplementär etwas über seine eigenen „innere Natur“ zu erfahren.

Trend zur Spektakelisierung und zu Events: Saisonopening, Alpenvestival, Bergmesse, Sportwettkämpfe – die Alpen werden „bespielt“.
Die Natur wird auch vermehrt als Ziel für die Selbsterfahrung gewählt. Dabei entstehen neue Formen von Störungen, die auch in der Nacht und in der Dämmerung wirken und in auch bisher ungestörte Gebiete vordringen. Als Beispiel nennt Pröbstl das „Geocaching“, eine moderne Form der Schatzsuche bzw. Schnitzeljagd. Im Internet werden die Koordinaten von Verstecken in der Natur bekannt gegeben, worauf sich dann jeder ausgerüstet mit einem GPS-Gerät auf die Suche machen kann.
Dadurch werden auch bisher verschont gebliebene Gebiete, plötzlich von Touristen aufgesucht. Der Druck auf Schutzgebiete wird höher.
Pröbstl nennt folgenden Lösungsansatz: Eine bessere Lenkung der Besucher indem in bestimmten Bereichen die bestehenden Angebote verbessert oder neue Angebote geschaffen werden und dafür andere sensible Bereiche von der touristischen Nutzung ausgeklammert werden (durch Ge- und Verbote).
„Störung und Gewöhnung. Vom nicht immer konfliktfreien Zusammenleben zwischen Menschen und Wildtieren“
Heinrich Aukenthaler und Lothar Gerstgrasser vom Südtiroler Jagdverband berichteten in ihrem Beitrag von den Auswirkungen dieser neuen Freizeitaktivitäten auf unsere Wildtiere. Besonders das Rotwild hat eine sehr große Lernfähigkeit und reagiert sehr empfindlich auf plötzliche Störungen. So werden Gebiete mit vielen Wanderrouten wie z.B. St.Ulrich vom Rotwild gemieden, es zieht sich in ruhigere Zonen zurück. 
Beispiel Latzfonser Alm – Lenkung der Skitourengeher. Eine Schneise im Wald soll unkontrollierte Abfahrten und Schäden an Fauna und Flora verhindern.
Häufige und plötzliche Störungen durch Erholungssuchende und Sporttreibende veranlassen das Rotwild sein natürliches Verhalten zu ändern, es wird immer mehr nachtaktiv. Auch die Gämsen werden vom Wanderbetrieb beeinflusst. Während sie sich auf Tageswanderer noch einstellen können, sind Wanderungen in der Dämmerung und in der Nacht problematisch. Gamsböcke gewöhnen sich leichter an Störungen als weibliche Tiere, die wegen ihres natürlichen Beschützerinstinkts besonders vorsichtig sind.
Auf Beunruhigungen aus der Luft können sich Wildtiere kaum einstellen. Deshalb sind Helikopterflüge, besonders im Winter, massive Störungen für unsere Wildtiere. Während sich der normale Skibetrieb auf den Pisten kaum auf das Schalenwild in den angrenzenden Wäldern auswirkt, bedeuten Freerider oder Variantenskifahrer im Wald eine starke Beunruhigung für unsere Wildtiere.


Initiativen wie diese in Österreich, der Schweiz und in Südtirol sollen die Sportler für die Belange der Tierwelt sensibilisieren.

Mein Wald – Dein Wald? Die Sicht des Waldbesitzers
Hubert Malin vertrat beim IMS in Brixen als Forstbetriebsleiter des Stand Montafon–Forstfonds und als Besitzer von 10 ha Eigenwaldbesitz die Waldbesitzer. Die Ansprüche an den Wald werden immer größer: Neben Holzproduktion, Schutzfunktion, Lebensraumfunktion, Wasserschutz und Jagdbetrieb mit steigenden Wildbeständen nehmen die Freizeitaktivitäten im Wald enorm zu. In intensiv genutzten Tourismusregionen im Alpenraum und am Rand von Ballungsräumen und urbane Zentren kommt es zu einer Übernutzung des Waldes.In Österreich besteht freies Betretungsrecht des Waldes für die Erholung. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen sehen aber auch befristete Sperren vor aus forstlichen Gründen, aus jagdlichen Gründen (Wildfütterung, Einstandsgebiet, seltene Tierarten) und das Sperren von Flächen aus Naturschutzinteressen vor.
Die Ziele der Waldeigentümer sind sehr unterschiedlich. Kleinwaldbesitzer und private Forstbetriebe wollen möglichst wenig Einschränkungen und Belastungen und frei über ihren Besitz verfügen. Neben dem nachhaltigen Holzertrag ziehen sie auch Erträge aus Jagdpacht, Dienstbarkeitsentgelten (Schilifte, Schipisten, etc.) oder Vermietung und Verpachtung von Hütten. Kommunale Waldbesitzer (z.B. ÖBf, Stadt Wien) haben daneben auch ein Interesse daran, dass die Bevölkerung mit Erholungsleistungen in bestimmten Waldflächen optimal versorgt wird. Sie haben einen Auftrag zur Errichtung und Pflege von Erholungseinrichtungen und Wanderwegen und suchen einen Kompromiss zwischen effizienter Waldbewirtschaftung und Erfüllung der Erholungswaldfunktion. Dies geschieht mit der Waldflächenfunktionsplanung.
Für Hubert Malin nehmen durch die vermehrten Freizeitaktivitäten die Ansprüche an den Wald zu. Diese Mehrfachnutzung ist für den Waldbesitzer indirekt aber auch mit Kosten verbunden. So wird die normale Waldarbeit gestört und es muss ein hoher Aufwand für Absperrungen bei der Holzschlägerung und Holzbringung betrieben werden. Auch der Jagdbetrieb wird gestört, womit der Aufwand für die Bejagung zunimmt. Durch die Störungen wird das Schalenwild oft in unzugängliche Gebiete verdrängt, wo es dann zu massiven Wildschäden und Verjüngungsproblemen kommt. Auch nicht jagdbare Wildarten werden gestört, es kommt zu einem Verlust oder Beeinträchtigung von Wildlebensräumen, die Nahrungsaufnahme wird gestört. Die Störung der Balz bringt geringere Bruterfolge bei den Raufußhühnern mit sich, ebenso Störungen am Gelege.
Malin appelliert für einen „fairen Naturgenuss“ – für Menschen, aber auch für unsere Tiere. Freizeitsportler sollten sich mit Verantwortung und Rücksicht in der Natur bewegen, auch für den Grundeigentümer Respekt und Rücksicht aufbringen und Informationen und Sperren beachten.
Um die Auswirkungen der Freizeitaktivitäten zu reduzieren sind Kanalisierung und Lenkung notwendig. Sensible Gebiete müssen geschützt werden und dürfen nicht dem Massentourismus geopfert werden. Wichtig ist dabei auch eine ausreichende Information und Öffentlichkeitsarbeit, um die Sporttreibenden mit den Anliegen des Waldbesitzers zu erreichen.