Wir sind der Wald. Warum die Qualitätspresse Ihr Holz wert ist
Erwin Brunner, Chefredakteur „National Geographic Deutschland“
Aufmerksamkeit ist die Voraussetzung jeder Kommunikation. Das Thema Schutzwald ist ein eher abseitiges und ist von den Verlagshäusern im Flachland weit entfernt und deshalb muss man erst eine gemeinsame Perspektive entwickeln, ein Ziel, das uns zusammenführt. Dass es sich bei diesem Thema um ein lebenswichtiges für alle handelt, das steht außer Zweifel. Der Klimawandel ist voll im Gange, deshalb muss in den Gebirgsländern der Schutzwald naturgemäß stärker in den Blick rücken. Extremwetterlagen werden häufiger und dem Schutzwald kommt maximale Bedeutung zu.

Begriff „Schutzwald“ liegt stark im Abseits
Wie kann dieses Thema die ihm gebührende Aufmerksamkeit bekommen? Wie schafft das spröde Thema Schutzwald den Sprung in die Medien?In der Pressedatenbank des Gruner + Jahr Verlages (eine der größten Datenbanken in Deutschland) scheint der Begriff „Schutzwald“ mit 195 Nennungen in den deutschen Qualitätsmedien in den letzten 30 Jahren auf. Im Vergleich dazu: Bär Bruno brachte es auf 943 Artikel, also fast 5 mal so viele in den Monaten Mai 2006 bis Juni 2006. Diese beiden Themen, obwohl beides Waldthemen, unterscheiden sich geradezu diametral voneinander. Das Thema Bruno läuft von selber, das Thema Schutzwald nicht. Das Thema Bruno hat alles, was es zu einem medialen Thema braucht: aktuell wie ein Krimi, dramatisch, einfach und spannend. Niemand braucht ein Vorwissen, und was außerdem noch sehr wichtig ist: es war ein Thema, das polemisiert und polarisiert. Das Thema hatte einen Helden und ein dramatisches Ende. Zwei Monate lang haben alle Leute in Deutschland über das Thema gesprochen, vom Stammtisch bis zum Bundestag und dabei über unser aller Verhältnis zur Natur nachgedacht.
Es braucht Elemente aus der „Bär-Bruno-Geschichte“
All das kann das Thema Schutzwald nicht bieten. Erst wenn eine Katastrophe passieren würde (etwas wenn ein Erdrutsch ein Dorf verschüttet, weil der Schutzwald nicht gepflegt wurde), dann käme das Thema in die Schlagzeilen und in die öffentliche Wahrnehmung, weil es aktuell wäre. Es braucht also Elemente aus der Brunogeschichte, um wahrgenommen zu werden, es braucht Protagonisten und einfache Geschichten.Prominente Botschafter
In Verbindung mit dem Schutzwald könnten „prominente Helden“ hilfreich sein, die wunderbare mediale Botschafter für den Schutzwald sein könnten. Prädestiniert wären hierzu beispielsweise Reinhold Messner, unser aller Bergpatron, der Bergbauer und Kulturpromi Tobias Moretti, aber auch in Südtirol der Landeshauptmann, der überhaupt zu allererst dafür in Frage kommen würde. Und hierzu meine Lieblingsvorstellung, um den Südtiroler Schutzwald in die Medien zu holen: Landeshauptmann Luis Durnwalder wandert im Sommerurlaub durch die Schutzwälder des Landes, mit Wein, Speck, Förstern und Fachleuten und das ist der Ausgangspunkt für die Medien, um Informationen an die Öffentlichkeit heranzutragen.Oder wenn man möglichst viele deutsche Gäste noch erreichen will würden die Kastelruther Spatzen, die Superkommunikatoren Südtirols mit der breitesten Wirkung im deutschen Sprachraum sehr nahe liegen. Meine Vorstellung: Sie singen im Schutzwald für den Schutzwald, vielleicht sogar ein eigenes Lied an den markantesten Locations des Landes und würden so eine breite Masse ansprechen mit der Botschaft des Schutzwaldes und der seiner Bedeutung. Dabei soll es nicht um seichte Unterhaltung, sonder um intelligente Kommunikation gehen, die immer aus den Hauptingredentien Information und Emotion besteht.
Jeder kann Botschafter des Waldes sein
Und die wichtigsten Botschafter sollten wir in dieser ganzen Debatte nicht vergessen: das sind Sie selber. Jeder im Saal kann in seinem Umfeld dafür sorgen, dass der Schutzwald ein Thema wird. Wenn Sie es schaffen Ihren Kindern oder Enkeln die Bedeutung des Schutzwaldes zu vermitteln, dann ist schon viel erreicht: Denn eine Studie hat ergeben, dass viele deutsche Kinder im Grundschulalter weder Vögel noch Bäume kennen. Diejenigen, die Kenntnis hatten, hatten das was sei wussten aus dem näheren familiären Umfeld. Ich sage das auch deshalb, weil ich glaube, man tut sehr gut daran, die Rolle der Medien nicht zu überschätzen. Viele Dinge sind nicht erst relevant, wenn sie in der Zeitung stehen.Rolle der Medien nicht überschätzen – authentische Erfahrungen sind wichtig
Beim Thema Schutzwald geht es einfach darum, sich tiefer mit dem Thema auseinanderzusetzen, in der Schule, Erwachsenenbildung und in der Öffentlichkeit und dabei auch die neuen Medien wie das Internet zu berücksichtigen (gerade wenn man Kinder und Jugendliche ansprechen will).Unerlässlich ist dabei auch, einen Schutzwald selbst gesehen zu haben, denn die eigene Erfahrung ist durch keine Zeitung, kein Internet und kein Fernsehen zu ersetzen. Gerade in einer elektronikgefilterten Welt ist die authentische originäre Erfahrung von Dingen extrem wichtig. Die direkte Erkenntnis spielt eine sehr große Rolle. „Man liebt nur was man kennt und man schützt nur was man liebt“ – treffender als Konrad Lorenz könnte man es nicht sagen. Die Medien können dabei eine wichtige motivierende Rolle spielen um die „Lesbarkeit der Welt“ ins richtige Maß zu setzen.

Erwin Brunner, der gebürtige Südtiroler ist seit 2009 Chefredakteur der Zeitschriften "National Geographic Deutschland" und "National Geographic World". Brunner ist seit Gründung des Magazins stellvertretender Chefredakteur und Textchef. Vorher war er sechs Jahre Redakteur bei der "Zeit", unter anderem im Ressort Dossier, und Textchef des "Zeit Magazins". Danach arbeitete er zehn Jahre als stellvertretender Chefredakteur und Textchef von "Merian".