Unverzichtbar oder überflüssig? Wie kommen Themen ins Fernsehen?
Irmtraud Oelschläger, Leiterin der Markt- und Publikumsforschung beim Schweizer Fernsehen DRS
Als Leiterin der Markt- und Publikumsforschung habe ich täglich die physischen und psychischen Grenzen des Mediums Fernsehen auszuloten. Der Auftrag des Schweizer Fernsehens leitet sich als öffentlich rechtlicher Sender aus der Bundesverfassung ab und will alle Zielgruppen erreichen.
Die Informationsredaktion ist die größte Abteilung beim SF. Sie umfasst 20 einzelne Redaktionen, die recherchieren und jene Informationen auswählen, die ins Programm aufgenommen werden. Täglich gehen mehr als 50 Anfragen bei ihnen ein mit den Anliegen, bestimmte Themen zu platzieren. Daraus wählen 5 Redaktionen aus, was ins Fernsehen kommt und was nicht. Folgende Kriterien bestimmen dabei die Auswahl:
Kriterien für die Programmauswahl beim Schweizer Fernsehen
Aktualität ist das wohl wichtigste Kriterium. Auch beim SF besteht die Möglichkeit, direkt als Zuschauer mit Experten über das Medium Internet oder das Telefon in Kontakt zu treten und Fragen zu stellen.Der 2. Punkt ist das Kriterium Relevanz, die sich durch den direkten Bezug zum Alltag, zum lokalen oder überregionalen Publikum ausdrückt.
Verständlichkeit ist das 3. Kriterium: Nachrichten müssen verständlich sein. Je konkreter und plakativer Informationen sind, umso eher verständlich sind sie. Voraussetzung dafür ist aber die Formulierung einer klaren Aussage: Welche Botschaft soll den Zuschauer am Ende erreichen? Und diese Botschaft muss (im Falle von Nachrichten) in 1 bis max. 4 Minuten in der Sendung an den Mann gebracht werden können.
Extrem wichtig sind natürlich auch Bilder in einem audiovisuellen Medium. Ein Bild sagt eben mehr als 1000 Worte, denn Menschen sind Augenwesen, 80% der Informationen erreicht unser Gehirn über das Auge.
Ebenso wichtig sind Emotionen. Und hier hat der Wald sicher einen großen Vorteil, denn er ist stark mit Emotionen besetzt. Es gibt unterschiedliche Emotionen und Auslöser. Das Fernsehen muss einen Ausgleich finden zwischen guten und schlechten Nachrichten, selbst in der Tagesschau wird darauf geachtet, dass nicht nur schlechte Nachrichten gesendet werden.
Der letzte Punkt ist die Vielfalt. Sowohl innerhalb einer Sendung als auch zwischen den Sendungen wird darauf geachtet. Es soll ja ein vielfältiges Publikum angesprochen werden. Im Jahr 2010 wurde beispielsweise schon 3-mal über das Thema Wald im SF berichtet, so dass im nächsten Halbjahr kein Beitrag zu diesem Thema mehr laufen wird können, da ansonsten der Grundsatz der Vielfalt nicht eingehalten wird. Für das Jahr des Waldes 2011 ist eine zweiteilige Dokumentation über den Wald geplant.
Wie werden Nachrichten fernsehtauglich?
Will man nun Nachrichten ins Fernsehen bekommen heißt es zunächst „Wie schaffe ich Aktualität?“ Das können aktuelle Vorkommnisse sein, die einen Aufhänger bieten können. Man kann aber auch inszenierte Aktualität schaffen. Viele Studien und Meinungsumfragen werden durchgeführt um Aktualität zu schaffen.Die Relevanz einer Nachricht ist manchmal leichter regional zu schaffen als landesweit. Manchmal ist es leichter, ein lokal begrenztes Publikum anzusprechen und somit zielführender einen Regionalsender anzusteuern.
Wenn man in die Medien will, muss man sich auch den richtigen Adressat aussuchen, also vorher überlegen in welche Art von Sendung die Nachricht passen könnte.
Reflektieren Sie außerdem selber ihre Rolle als Zuschauer! Schauen Sie selber, wo zappen sie weg? wo bleiben Sie dran? Daraus ergeben sich relevante, publikumsnahe Aspekte.
Über den Ticker laufen jede Minute 3 bis 5 neue Agenturmeldungen in die Redaktionen des SF, nur die allerwichtigsten Nachrichten schaffen den Sprung in die Newsnachrichten.
Abschließend noch der Aufruf an die Anwesenden: Das Fernsehen braucht Menschen, die etwas zu sagen haben und davon gibt es in den Reihen der Zuhörer sicher eine ganze Menge.
Irmtraud Oelschläger hat einen Diplomabschluss für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Hohenheim (D) und Master of Science der Oregon State University (USA). 6 Jahre bei GfK Nürnberg (Werbeforschung), 2 Jahre J. Walter Thompson (Strategische Planung), 2 Jahre bei HEKS Lernwerk in der Erwachsenenbildung tätig. 2 Jahre GfK Switzerland (Medienforschung).
Seit 2005 beim Schweizer Fernsehen, seit Anfang 2009 Leiterin der Markt- und Publikumsforschung.