Neue Wege der Kommunikation im World Wide Web
Ossi Urchs, Autor und TV-Regisseur
Obwohl ich zu dem wirklich wichtigen Thema der Tagung nur relativ wenig beitragen kann, kann ich ihnen vielleicht vermitteln, wie man in Zeiten des „www“, des Internets effektiv kommuniziert. Das gilt sicherlich für jedes Thema. Es gibt eine Tradition, sich mit Themen im Internet zu beschäftigen, die Menschen selber auf den Nägeln brennen.
Am Internet führt heute kein Weg mehr vorbei
Das Internet hat uns gänzlich neue Herausforderungen geboten, aber auch neue Möglichkeiten, insbesondere in seiner 2. Entwicklungsstufe, dem „Web 2.0“ oder „social web“.Am Internet führt heute kein Weg mehr vorbei. Was digital geht, wird digital. Was direkt geht, wird direkt. Was vernetzt wird, wir vernetzt.
Wenn man selber an dieser Art der Kommunikation teilnehmen will, muss man Subjekt, aber auch Objekt dieses Austausches werden, als Teil einer neuen Gemeinschaft der Internetnutzer.
Was man hier erlebt ist etwas, was eine wirtschaftliche Grundlage hat, die nicht immer ganz klar wird. Warum werden alle klassischen Medien digital? Weil es einfach wirtschaftlich Sinn macht, weil es billiger ist. Die Beziehung zwischen Medienmachern und Mediennutzern wird außerdem immer direkter. Diese direktere Beziehung führt auch zu einer immer größer werdenden Vernetzung.
Internet verzeichnet immense Zuwächse
1,5 Mrd. Nutzer sind inzwischen (so schätzt man) im Internet unterwegs. Vor einigen Jahren hat „google“ 1500 Mrd. Webseiten gezählt. 4,1 Mrd. Euro wurden im letzten Jahr in Deutschland für Onlinemarketing ausgegeben, das ist eine Zuwachsrate von 13% mitten in der Wirtschaftskrise, wonach sich alle anderen Medien alle 10 Finger ablecken können, die einen Rückgang in der Werbung verzeichnen müssen. Diese Zuwächse werden sich in nächster Zeit noch weiter steigern, denn das Marketing folgt immer den Kunden.
Was ist so interessant am Internet?
Das Web bringt die Gesellschaft dazu, so zu funktionieren wie unser menschliches Denken. Bei den klassischen traditionellen Massenmedien besteht ein großer Unterschied zwischen dem Sender, dem Nachrichtenersteller (Verlagshaus oder Fernsehsender) und dem Nachrichtenempfänger. Diesen Unterschied gibt es im Internet nicht mehr. Dadurch wird das Internet zu einem „Übermedium“, das alle Möglichkeiten der anderen Medien vereint und durch diese Kombination über die ursprünglichen Medien hinausgeht. Dadurch wird es zu einem interaktiven und personalisierten Medium. Es gibt keine Redaktion mehr, die Informationen filtert, sondern jeder Nutzer stellt sich zusammen, was ihn interessiert.Direkte Interaktion der Nutzer
Im Web 2.0 geht es immer um den Austausch von persönlichen digitalen Medien durch die direkte Interaktion von Nutzern. Das Web 2.0 ist ein sehr uneinheitliches Phänomen. Da gibt es die ganze Bloggersphere mit über 150 Mio. Blogs (das sind persönliche Tagebücher) im Web. Auf der anderen Seite gibt es soziale Netzwerke wie Facebook, das 500 Mio. Menschen weltweit erreicht, eine Videoplattform wie Youtube, oder ein neuer Nachrichtendienst wie Twitter. Also völlig unterschiedliche Veranstaltungen, die dafür sorgen, dass die Vernetzung immer intensiver wird.
Wissensgemeinschaft Internet
Daraus entstehen soziale Netzwerke, die immer auch als Wissensgemeinschaft fungieren. Jemand stellt eine Frage, und Lösungen werden von anderen Nutzern angeboten. D.h. in sozialen Netzwerken schlummert ein verborgener Schatz: die Produktivkraft unserer Informationsgesellschaft: Wissen. Dabei kommt es nicht auf die Menge, sondern auf den Austausch an. Es geht heute um die Methode des Wissensaustausches und diese ist gemeinschaftlich, sozial. Darin liegt die große Wandlung in der Kommunikation von der Herausgabe der klassischen Medien hin zum Austausch wie er heute funktioniert. Dieser Austausch findet heute mit hoher Intensität und hoher Qualität im Web 2.0 statt.Es werden aber nicht nur Meinungen und Informationen ausgetauscht, sonder auch Waren und Produkte. Dabei geht es längst nicht mehr nur um Schnäppchen, sonder auch um ökologisch einwandfreie, nachhaltige Produkte.
Nutzer der sozialen Netzwerke haben sich im letzen Jahr mehr als verdreifacht
Was in den letzten Jahren am meisten für Aufsehen erregt hat, ist Twitter, ein neuer Informationsdienst, in dem sich Nutzer sehr einfach, schnell und effektiv untereinander verbinden. Inzwischen sind auch namhafte Unternehmen wie IBM und auch Medien wie Spiegel und andere damit beschäftigt. Das Wachstum dieses Dienstes ist so exponentiell weil der Austausch so mühelos ist und die Kommunikation so populär wird. Je mehr Nutzer in dieses Medium treten, umso mehr Informationen gibt es für sie. Die Nutzer haben sich im letzten Jahr mehr als verdreifacht. Das gilt auch für Facebook und andere soziale Netzwerke.
Neue Machtposition der Nutzer
Märkte und Konsumenten sind heut sehr viel umfassender und schneller informiert als die beteiligten Unternehmen. Das macht die Nutzer in diesem Zusammenhang so stark und verschafft ihnen eine neue Machtposition in der digitalen Wirtschaft.Unternehmen, die in neue Bereiche der Kommunikation hineinkommen wollen, müssen lernen, dass nur der Nutzer bzw. Kunde zu allen Segmenten Zugang hat und müssen lernen, durch die Kundenbrille die Welt zu sehen. Im Web 2.0 geht es um das, was wir heute Lifestyle nennen, um eine Lebenseinstellung, die extrem erfolgreich ist.
Klassische Portale wie T-online oder Aol stagnieren, web2.0 – Plattformen legen an Reichweite zu.

Nur wer Teil des Wissensaustausches im Internet wird, erreicht neue Zielgruppen
Wie können wir diesen neuen Lifestyle bedienen? Wie können neue Nutzer erreicht werden? Die Antwort darauf: Mit dem Netwerkeffekt. Der Wert eines Netzes steigt exponentiell mit der Anzahl der angeschlossenen Nutzer. Unternehmen müssen lernen, Teil dieses Austausches im Internet zu werden. Die neue Art der Mediennutzung macht sich v.a. bei Jugendlichen bemerkbar, die sich immer mehr den traditionellen Massenmedien entziehen und diese mit den neuen Medien ersetzen. Einer der Slogans heißt in dieser neuen Nutzergeneration: „broadcast yourself“, „sende dich selbst“. In der Tat veröffentlicht jeder 4. Jugendliche regelmäßig seine eigenen Inhalt im Web 2.0.Traditionelle Massenmedien verlieren an Bedeutung
Von dieser Revolution ausgehend von den Kinderzimmern sind alle Massenmedien betroffen. Die Nutzung der traditionellen Medien geht zurück, jene des Internet steigt. Durchschnittliche Jugendliche schauen täglich 100 Minuten fern, im Internet sind sie 120 Minuten.Der Fernseher läuft nur noch nebenbei mit MTV, VIVA oder ähnlichen Musiksendern. Die Aufmerksamkeit ist aber beim PC, da wird gechattet usw.

Die Nutzer dort abholen, wo sie sind: Facebook und Twitter
Damit kommen wir zur Frage: was bedeutet das für Sie? „Das Internet verändert alles, stellen Sie Sich darauf ein, sonst wird es eng“, sagte der Management-Guru Tom Peters. Wenn man sich anschaut, was man in diesem Zusammenhang tun kann, sieht man, dass eine Website allein nicht mehr ausreicht, um seine Inhalte zu vermitteln. Eine Website darf keine Einbahnstraße sein und muss interaktive Elemente beinhalten, dialogfähig sein (Kontakt, Newsletter, Forum usw. beinhalten) und man tut gut daran, das mit den erfolgreichsten Plattformen des Web 2.0 zu verbinden.D.h. man muss die Nutzer dort abholen, wo sie sind. Wie das geht zeigt das Beispiel einer Münchner Tourismusregion. Gleich zu Beginn wird eine Segmentierung der Nutzer gemacht und sie sie werden nach ihren Interessen unterschieden. Alle Inhalte sind darauf ausgelegt, interaktiv zu sein (Videos von Usern, Button zu Facebook, wo auf der anderen Seite eine Fanpage steht, wo sich jeder Nutzer für seine Ferienvorliebe aussprechen kann). Facebook ist die Plattform, die weltweit am meisten Nutzer erreicht. D.h. hier habe ich eine große Chance, Interessenten für mein Thema zu finden. Es gibt kaum ein Thema, das nicht auf Facebook seine Nutzerpopulation finden kann. Kein Wunder bei fast 500 Mio. Nutzern!
Man kann hier relativ mühelos ständig neue Informationen austauschen und an die Nutzer weitergeben, auf aktuelle Neuerungen aufmerksam machen und man lernt auf der anderen Seite auch ihre Vorlieben und Kritikpunkte kennen. Für beide Seiten bedeutet das einen produktiven Austausch.
Etwas anders ausgelegt ist Twitter, weil man hier eine Kurznachricht loswerden kann. Die geht zunächst an meine Freunde, mit denen ich über Twitter verbunden bin. Meine Adressaten können diese Nachrichten weitersenden. Schneller und effektiver lassen sich heute Nachriten nicht um den Globus verbreiten, das war im Wahlkampf von Barack Obama so und auch bei der Oppositionsbewegung im Iran 2009. Und das Beste daran: der Aufwand ist mehr als gering.
Internet wird mobil
Der derzeit wichtigste Internet-Trends: Das Internet bleibt nicht mehr auf die Anwendung am Schreibtisch am Arbeitsplatz beschränkt, sondern geht in alle möglichen Lebenssituationen hinein. Es wird mehr und mehr mobil. In Deutschland gibt es schon über 10 Mio. Internetnutzer, die das Medium mehr oder weniger mobil nutzen. Das I-Phone war der große Wegbereiter dieser Entwicklung. Mit den „Apps“ (spezielle Anwendungsprogramme) kommen immer neue Möglichkeiten der Anwendung für den Nutzer hinzu. Jeder kann solche Apps selber entwickeln und dadurch auf das eigene Angebot aufmerksam machen (z.B. das gastronomische Angebot einer Region). Diese Art der Anwendung könnte aber auch für den Bergwald interessant sein, denn absolut jeder kann hier einsteigen und diese Entwicklung für seine eigenen Belange nutzen.Einstiegstipps in die digitale Informationswelt
Zum Schluss noch ein paar Tipps, um den Einstieg in diese digitale Informationswelt zu erleichtern:Der 1. Punkt heißt „learn to listen“. Zuhören ist die entscheidende Voraussetzung für jedes Gespräch.
Ein 2. wichtiger Punkt ist die Sprache: Lernen Sie auch online mit menschlicher Sprache zu kommunizieren. Also keine Marketingphrasen verwenden, sondern seine eigene offene Meinung mitteilen. Damit gibt man dem eigenen Anliegen ein persönliches, unverwechselbares Gesicht.
Und der letzte Punkt: Bauen Sie ihr Netzwerk um ihre Kunden und Zielgruppe herum auf. Man muss auch den Nutzern eigene Plattformen anbieten und hierzu noch ein Tipp: Schauen Sein in das Kinderzimmer Ihrer Kinder! Denn hier zeichnen sich die Trends der Zukunft ab.
Ossi Urchs: Studium der Philosophie, Theaterwissenschaft und Politikwissenschaft.
Seit 1980 selbstständiger Autor und TV-Regisseur. Produktionen für verschieden Sender der ARD, ZDF, RTL, Sat1 und K-ABC, Los Angeles. Seit 1992 Entwicklung und Konzeption im Bereich interaktiver Kommunikation und Internet-Anwendungen. Hält im Rahmen von Lehraufträgen Seminare an der Bayerischen Akademie für Werbung (BAW) in München und an der Pop-Akademie Baden-Würtemberg in Mannheim.