„Mein Schutzwald“
Anton Mattle, Landtagsabgeordneter, Bürgermeister von Galtür
Galtür – viele erinnern sich und die Bilder aus dem 1999er Jahr oder aus 2005 tauchen wieder auf – ist die westlichste Gemeinde Tirols und eine der höchstgelegenen Gemeinden Österreichs. Galtür wurde vor ca. 1000 Jahren von den Rätoromanen aus der Schweiz besiedelt. Seit 125 Jahren spielt der Tourismus eine bedeutende Rolle für den Ort. Die Bevölkerungszahl hat sich in den letzten 100 Jahren verdreifacht. In den Hauptsaisonszeiten leben 800 Einheimische, 300 Saisoniers und 3800 Gäste in Galtür.
Die Menschen in Galtür halten zusammen und wissen, dass sie sich aufeinander verlassen können.
Das Gemeindegebiet ist 12.000 ha groß, davon sind gerade einmal 2% besiedelbar, 10% sind Wald. Der Rest sind Wiesen, Almen, Gletscher, Moränen und Berge. Galtür ist steinreich, aber auch waldarm. Die Waldgrenze liegt bei 1900 m.
Ich selbst wohne im mit meiner ganzen Familie im Ortsteil Maas, etwas außerhalb. Seit den 30er Jahren steht hinter meinem Elternhaus aus dem 17. Jahrhundert eine Lawinenschutzmauer. Zweimal seit dem Bestehen der Mauer kam es zum Kräftemessen zwischen den Naturgewalten und dem steinernen Schutzschild. Dahinter liegen Wiesen und daran anschließend „Mein Wald“.
Mein Wald gehört mir nicht und trotzdem bin ich mit ihm seit meiner Kindheit verbunden. 1991 bauten wir am Fuße des Berges unser Haus. Teile des Hauses befinden sich in der gelben Gefahrenzone und die Südseite musste deshalb auf eine höhere Druckbelastung bemessen werden, das bedeutet Betonwände und Scheiben aus Panzerglas, stattliche Mehrkosten, aber auch eine Beruhigung an Tagen mit stärkerem Schneefall.
8 Meter Neuschnee im Winter 1998 - 1999
Wie im Winter des 1998-1999er Jahres. Die Summe der gefallenen Neuschneemengen betrug 8 Meter. Starker Schneefall und Wind führten schon am 7.2. zu einer mehrtägigen Straßensperre. Ab dem 17.2. musste die Straße erneut gesperrt werden. 5 Tage später passierte dann das Unfassbare: 2 Lawinen brachen fast zeitgleich vom Grieskopf 1000 m oberhalb von Galtür ab und rasten mit 300 km/h ins Tal. Der waldfreie Sonnberg bot keinen Widerstand und die Lawinen überquerten ungebremst die Talsohle und erreichten die bis dahin frei von Naturgefahren geltende Siedlung „Frühmessgut“. Die Schneemassen begruben mehr als 50 Personen. Dank schneller Hilfe konnten mehr als 20 Personen gerettet werden. Für 31 Menschen kam leider jede Hilfe zu spät. 7 Häuser wurden total zerstört, mehr als 20 erheblich beschädigt.Lawine begräbt Galtür
Im Gemeindeamt am Schreibtisch sitzend spürte ich gegen 16 Uhr wie es allmählich dunkler wurde. Der Staub der Lawine legte sich übers Dorf, presste sich gegen die Fenster und Türen und deckte alles bis auf 100 m von der Lawine entfernt mit weißem Schneestaub zu. Ich stürmte hinaus, überall kamen mir Schreie und von der Lawine eingestaubte Menschen entgegen und suchten verzweifelt ihre Lieben. Bei der Pfarrkirche, keine 50 m vom Gemeindehaus entfernt lag schon der erste Lawinenschnee. Zurück im Gemeindeamt löste ich den alpinen Notruf aus und erst gegen 18.30 hatte ich zum ersten Mal Zeit, zuhause bei meiner Frau Daniela anzurufen. Seit Tagen war sie mit unseren 3 Kindern und den 20 Gästen auf sich allein gestellt. Ich fragte, ob sie zu Recht käme und ich skizzierte in knappen Worten die Tragödie vom Frühmessgut. Ich bat sie, sich keine Sorgen zu machen, wir hätten ja gut gebaut und hinter unserem Haus sei ja der Schutzwald. Doch irgendwann in der Nacht vom 23. Februar sind die Wechten am Breglberg gebrochen ohne dass jemand davon Notiz genommen hätte in die Tobel links und rechts von Meinem Wald gestürzt und weiter eine Lawine auslösend bis ins Tal auf unsere Wiesen haarscharf bis an jene Grenzen, die die Techniker als rote Gefahrenzone ausgewiesen hatten.Unser Wald, ja er hat gehalten. Stürmischer Wind und noch nie da gewesene Schneemengen konnten meinem Wald nichts anhaben. Die Bäume haben nicht aufgegeben und sind gestanden wie die Soldaten.
Mit der Unterstützung des Heeres haben dann meine Eltern beginnend mit dem Ausapern die Wiesen aufgeräumt, die gebrochenen Stämme aufgeschnitten. Die Tobel links und rechts von meinem Wald haben nackt ausgesehen. Doch bis Anfang Juli waren sie schon wieder grün.
Nach dem 1. Jahrestag der Katastrophe kehrte dann endlich die notwendige Ruhe und Abstand ein ins Dorf. Irgendwie glaubt man, dass nach so einem Schicksalsschlag für eine Gemeinde das Quantum an Unheil ausgeschöpft sei. Aber es kam anders.
Weitere Bewehrungsprobe für "meinen Schutzwald": Hochwasser 2005
Galtür und Mein Schutzwald wurden im Sommer 2005 auf eine weitere kaum fassbare Bewehrungsprobe gestellt. Ab dem 20. August intensivierte sich ein Tiefdruckgebiet im Golf von Genua. Um 23 Uhr des 22.8. fielen 11 mm Niederschlag / Stunde. Die Zweitagesmessung ergab 150 mm Niederschlag in den beiden Tagen 22. und 23.8. je Quadratmeter. Gegen 8 Uhr abends des 22.8. kam der Hochwasseralarm der Feuerwehr. Gegen 22 Uhr wurde der Pegel eines 100 jährigen Ereignisses an der Mess-Station überschritten. Die Bäche konnten die gefallenen Regenmengen nicht mehr aufnehmen und traten überall über die Ufer. Die Wassermassen suchten sich ihren eigenen Weg und drangen überall in Keller und Fluren ein. Mit dem Tagwerden wurde das Ausmaß der Vermurungen sichtbar. An waldfreien Stellen war der Berg ausgebrochen, Straßen waren unpassierbar, kein Telefon, kein Handy, nur der Katastrophenfunk. Gott sei Dank keine Todesopfer.Auch in dieser Nacht hat Mein Wald treue Dienste geleistet. Er konnte allen Niederschlag aufnehmen während die Wassermassen und Muren links und rechts in den Tobeln niedergingen.
Die Schadenssumme des Hochwassers betrug tirolweit 350 Mio. Euro.
Schutzwirkung des Tiroler Waldes beträgt 6 Mrd. Euro
In Nordtirol stehen ca. 460.000 ha Wald. 2/3 davon sind Schutzwald, 20 % davon (60.000 ha) haben eine direkte Schutzwirkung auf Siedlungen und Verkehrswege.Bei einer sozioökonomischen Bewertung der Schutzleistung des Waldes wurde diese mit 10 €/qm und Jahr errechnet.
60.000 ha – das sind 6 Mio. Quadratmeter Schutzwald. Wenn man diesen Wert kapitalisiert, so beträgt die Schutzwirkung des Tiroler Waldes 6 Mrd. €.
6 Mio. Menschen sind abhängig von der Schutzwirkung „meines Schutzwaldes“
Ähnliches gilt für die Hochwasserschutzwirkung des Waldes: Ein in der Silvretta gefallener Wassertropfen legt von der Wasserscheide bis hin zum Schwarzen Meer 2600 km zurück. Entlang seiner Wegstrecke durchfließt er den Inn und die Donau und begegnet dabei 6 Mio. Menschen, die von den Höchstständen der Flüsse abhängig sind. Jeder Hektar Wald hilft, Hochwässer vorzubeugen. Auch Mein Wald gehört dazu und ist somit ein Schutzwald für 6 Mio. Menschen.Alle fühlen sich im Schutzwald wohl. Mensch und Tier suchen hier Lebensraum und Erholung. Aber wer hilft Meinem Schutzwald? Wer schützt ihn vor Überlastung? Wer pflegt ihn, auch wenn es sich alleine aus der Holznutzung nicht rechnet? Der Schutzwald ist für Millionen Menschen eine Versicherung. Die Schutzwaldbetreuung ist die einzubringende Prämie. Nur wer diese Prämie rechtzeitig einbringt, darf mit einem Bonus rechnen. Alle anderen werden bestraft.
Nach der Lehre arbeitete Anton Mattle als selbständiger Elektriker. Sechs Jahre (1986 – 1992) Bürgermeisterstellvertreter und seit 1992 Bürgermeister von Galtür. Auch im Jahr 1999, als ein großes Lawinenunglück über die Ortschaft hereingebrochen ist. Seit 2003 Bezirksparteiobmann der Tiroler Volkspartei und Landtagsabgeordneter im Tiroler Landtag.