Berglandwirtschaft – eine europäische Verantwortung
Am 26. Februar fand in Algund die 32. Vollversammlung des Südtiroler Forstvereins statt. Die anschließenden Vorträge standen ganz im Zeichen der EU-Agrarpolitik und der Familienforstwirtschaft.
EU-Parlamentarier Dr. Herbert Dorfmann verstand es in seinem Vortrag „Berglandwirtschaft – eine europäische Voraussetzung“ in einer einfachen Weise die EU-Agrarpolitik zu erklären. Über die Berglandwirtschaft wird derzeit sehr viel diskutiert, da die Vorbereitungen für die neue Finanzperiode 2014 bis 2020 laufen. Diese langen Vorlaufzeiten sind notwendig, da in der EU-Agrarpolitik sehr viele Institutionen mitentscheiden.
Rahmenbedingungen geändert
Durch das Inkrafttreten des neuen EU-Vertrages (Lissabonvertrag) am 01.12.2009 haben sich in der Agrarpolitik einige Rahmenbedingungen geändert. Während bisher das Europäische Parlament nur eine Beratungsfunktion innehatte, schlussendlich aber die Agrarminister der Mitgliedstaaten entschieden haben, werden in Zukunft im Parlament die Entscheidungen getroffen. Das bedeutet, dass die Zukunft der Agrarpolitik vielleicht demokratischer, aber sicherlich nicht einfacher wird, da viele Parlamentarier aus den städtischen Gebieten stammen und mit der Landwirtschaft nichts am Hut haben.Die EU-Agrarpolitik hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte nachhaltig geändert. War die „Agrarpolitik der ersten Zeit“ vor allem durch Markstützungsmaßnahmen und Exportunterstützungen gekennzeichnet, so stehen heute neue Instrumente, wie die ländliche Entwicklung und die Direktzahlungen im Vordergrund.
Die Landwirtschaft ist oft der Kritik ausgesetzt, dass die Hälfte des EU-Haushaltes in den Agrarbereich fließt. Nach Dorfmann liegt der Grund aber darin, dass die Landwirtschaft derzeit der einzige Bereich ist, der in der europäischen Union vereint ist. Zählt man alle öffentlichen Haushalte der Mitgliedsstaaten sprich Staat, Land, Gemeinde zusammen, so wird der Anteil der auf die Landwirtschaft fällt, verschwindend klein.
Nach Dorfmann muss die EU in der nächsten Zeit die folgenden offenen Fragen lösen:
- Die neuen osteuropäischen Mitgliedsstaaten bekommen derzeit weniger Flächenprämien (Getreide) als die alten Staaten. Diese Staaten fordern vehement eine sofortige Anpassung.
- Die Staaten die in Zukunft für eine Neuaufnahme in Frage kommen, sind meist finanzschwach, würden aber große Agrarförderungen erhalten.
- Der Britenrabatt ist nach wie vor ein Pferdefuß für die gesamte EU. Der Britenrabatt geht noch auf die Ära von Margareth Thatcher auf das Jahr 1984 zurück und bedeutet dass Großbritannien wesentlich weniger Mitgliedsbeitrag bezahlen muss. Die anderen Mitgliedsländer fordern seit langem, dass dieser Rabatt aufgehoben wird. Damit aber Großbritannien zustimmt, könnten sie im Gegenzug verlangen, dass der Agrarhaushalt reduziert wird.
Wie kann die Berglandwirtschaft in Zukunft überleben?
Das zukünftige Einkommen des Bauern wird sich aus den drei Säulen Marktstützung, Direktzahlungen und Markt zusammensetzen. Dorfmann betont, dass die Berglandwirtschaft nur überleben kann, wenn sie auch Produkte erzeugt die der Markt braucht und sich somit verstärkt am Markt orientiert. Besonders wichtig werden in Zukunft Ursprungsbezeichnungen sein, dem Konsumenten muss vermittelt werden, dass das Produkt aus einem Berggebiet stammt und naturnah produziert worden ist.Marktstützungsmaßnahmen werden auch in Zukunft notwendig sein, um die stark schwankenden Preis am Agrarmarkt auszugleichen, Möglichkeiten könnten Versicherungen, private Lagerungen oder Warenbörsen sein.
Berggebiete 16% der landwirtschaftlichen Nutzfläche
Parlamentarier Dorfmann spricht sich gegen eine eigene Berglandwirtschaftspolitik aus, da dadurch viele konkurrierende Landwirtschaftsströmungen entstehen könnten und die Agrarpolitik als Ganzes geschwächt werden könnte. Dorfmann gibt auch zu bedenken, dass die Landwirtschaft im EU-Parlament über keine parlamentarische Mehrheit verfügt.Herausforderungen der Zukunft
Die große Herausforderung für die nächste Zeit wird es sein die „ländliche Entwicklung“ innerhalb der gemeinsamen EU-Agrarpolitik noch weiter zu stärken. Die Direktbeihilfen müssen in Zukunft auch weiterhin an die Viehhaltung (Viehbesatz) gebunden werden. Für Kleinbetrieb sollte überlegt werden einen optionalen Gesamtsockel für Förderungen einzuführen. Auch das derzeitige Kontrollsystem muss vereinfacht werden, da die Bürokratie in den letzten Jahren stark zugenommen hat.Dorfmann ist überzeugt dass es auch in Zukunft eine starke gemeinsame EU-Agrarpolitik geben wird. Innerhalb dieser gemeinsamen Agrarpolitik gilt es gute Rahmenbedingungen für die Berggebiete zu schaffen, wobei sich die Politik und der Markt ergänzen müssen, damit die Berglandwirtschaft eine Zukunft hat.
Im zweiten Vortrag zeigte DI Thomas Stemberger, der ehemalige Abteilungsleiter der Landwirtschaftkammern Österreich die Vorteile der Familienforstwirtschaft auf.
In Europa gibt es derzeit etwa 16 Millionen private Waldbesitzer, die 60% der Waldfläche bewirtschaften. Ihr Anteil wird in Zukunft noch weiter zunehmen, da in den ehemaligen Ostblockstaaten vermehrt öffentlicher Wald an die früheren Waldbesitzer zurückgegeben wird. Die Kleinwaldbesitzer sind bei der Holzvermarktung im Nachteil, günstig hingegen ist ihre geringe Fixkostenbelastung und dass sie auf die Marktlage sehr flexibel reagieren können. In Österreich hat sich in den letzten Jahrzehnten besonders der Zusammenschluss zu Waldwirtschaftsgemeinschaften bewährt, weil dadurch die Nachteile des Kleinwaldbesitzes ausgeglichen werden und sie ähnlich wie ein Forstbetrieb, aber ganz ohne Fixkosten am Markt auftreten können. Die Waldwirtschaftsgemeinschaften erstellen für die Privatwaldbesitzer einfache Wirtschaftspläne, die eine wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Waldbewirtschaftung sind. Damit eine Waldwirtschaftsgemeinschaft erfolgreich ist, muss die Initiative aber von unten, sprich von den Waldbauern ausgehen.
Die Forstwirtschaft im ländlichen Raum hat nur dann eine Zukunft wenn es gelingt die jungen Menschen für den Wald und für die Waldarbeit zu begeistern. Dafür ist es notwendig die Waldarbeit attraktiv zu gestalten, damit sich die Waldbauern und die Waldarbeiter mit ihrem Wald auch in Zukunft identifizieren.
Christoph Hintner
Amt für Forstplanung

Andreas Feichter und Josef Schmiedhofer mit den beiden Referenten Thomas Stemberger und Herbert Dorfmann

Gut besucht war die diesjährige Vollversammlung im Vereinshaus von Algund