Winterfütterung und Waldschäden
Was verträgt das Wild, was verträgt der Wald? Vortrag des Tiroler Forstvereins am 17. Februar 2009Wildschäden - ein Schlagwort, das Grundeigentümer, Jagdpächter und Forstleute gleichermaßen erregt und starke Emotionen hervorruft. Eine sachliche Diskussion zu diesem Thema ist damit kaum möglich. Umso wichtiger war daher die Veranstaltung des Tiroler Forstvereins unter dem Thema „Wildfütterung und Waldschäden“, bei der Univ. Prof. Klaus Hackländer vom Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft und Forstdirektor Felix Näscher vom Amt für Wald, Natur und Landschaft des Fürstentums Lichtenstein von ihren Studien und Erfahrungen berichteten.
Beide waren sich einig: Im Zentrum der Wald-Wild-Frage steht der Lebensraum. Momentan geht die Schere zwischen einem stetig steigenden Rotwildbestand und einem immer kleiner werdenden Rotwild-lebensraum immer weiter auf. Die Populationsdichte muss daher an die Größe und die Tragfähigkeit des Lebensraums angepasst werden. Demgegenüber müssen wir den Lebensraum optimieren und verbes-sern. Lösungen sind dringend notwendig!
Prof. Klaus Hackländer - Trophäenjagd als Risiko für den Wald?
Die Konzentration der Jagdbewirtschaftung auf die Trophäe verhindert die Beschäftigung mit dem weiblichen Wild. Je höher aber die Populationsdichte wird, umso weniger Hirschkälber werden geboren. Die Folge davon ist, dass sich bei hoher Populationsdichte der Anteil der Hirschtiere noch laufend weiter erhöht.Länder mit revierbezogenen Jagdsystemen und Abschussplänen wie Österreich, Deutschland und Schottland haben die höchsten Wildbestände. Österreich ist sogar Spitzenreiter in Europa. Hier stellt sich laut Professor Hackländer die Frage, ob bei so einer großen Dichte noch die landeskulturellen Ziele erreicht werden können. Hohe Dichten sind in der heutigen zersiedelten Landschaft auf Dauer nur mit Winterfütterungen möglich und damit mit einer höheren Reproduktionsrate verbunden. Während nach dem Zweiten Weltkrieg nur 10.000 Stück Rotwild in Österreich erlegt wurden, hat sich diese Zahl Anfang der Siebziger Jahre schon verdreifacht. In den letzten zehn Jahren betrug die Rotwildstrecke gar zwischen 40.000 und 50.000 Stück.
Laut Prof. Hackländer ist das Verlangen nach vielen guten Trophäen die Hauptmotivation für eine übertriebene Winterfütterung. Sie schaltet die Mechanismen der natürlichen Dichteregulation aus und führt damit zu höheren Rotwildbeständen. Die Trophäenjagd erhöht die Überlebensrate der Tiere und damit die Fortpflanzungsrate des Wildbestandes. Und damit wird die Kapazitätsgrenze in vielen Rotwildlebensräumen in Österreich deutlich überschritten.
Forstdirektor Näscher: Winterzählung – oder wie belüge ich mich selbst?
Untragbare Wildschäden auf 63 bis 72% der Waldfläche haben in Liechtenstein zu einem Umdenken bewogen. Daher ist man dort einen neuen Weg bei der Winterfütterung gegangen. Obwohl der Abschuss in Liechtenstein meistens fast 100%ig erfüllt wurde, ging der Bestand nicht zurück. Damit zeigt sich, dass Abschusserfüllung nicht zwangsweise Bestandesregulierung bedeutet. Forstdirektor Näscher sieht dies in der Grundlage der Abschussplanung begründet und formuliert das provokant unter dem Titel „Winterzählung – oder wie belüge ich mich selbst!“. Die Winterzählung bildet für ihn eine ungenügende Planungsgrundlage und hat nur zusammen mit der Nachttaxation einen Mehrwert.Strategie Notfütterung
Auch die Winterfütterungen in Liechtenstein haben nicht zum Erfolg geführt und Wildschäden nicht verhindert. Daher erfolgte ein Strategiewechsel: Die zentralen Winterfütterungen wurden verboten. Stattdessen wird das Konzept der Notfuttervorlage verfolgt. Das Wild soll sich dabei über den ganzen, geeigneten Winterlebensraum verteilen und nicht rund um die Fütterungen konzentrieren. Die Notfuttervorlage besteht am besten aus vor Ort gewonnenem Magerheu, das dem Wild in Form von Tristen oder auch Raufen dargeboten wird. Sie werden auf den ganzen Winterlebensraum verteilt und befinden sich auch in nicht dauernd zugänglichen Lagen. Das Konzept ist in mehrere Stufen gegliedert. Sollten außerordentliche Wettersituationen schon im Dezember vorkommen, werden die Tristen frühestens am 15. Jänner geöffnet; wenn Unzugänglichkeit der natürlichen Äsung vorliegt, oder eine anhaltende Ver-harschung besteht. Spätestens ab 20. Februar werden die Tristen ungeachtet der Witterung geöffnet.
Jägerschaft dafür
Der Präsident der Liechtensteiner Jägerschaft, Dr. Hasler, bekräftigt, dass viel Schnee beim Notfutterkonzept kein Problem darstellt. Im strengen Winter 04/05 mit Schneelagen von 1,5 Metern und mehr hielt sich das Rotwild im Revier auch ohne Winterfütterung gut. Seit dem Start dieses Konzeptes ist das Wild im Sommer in seinem Revier sogar tagaktiver geworden – und damit ist die Bejagung viel attraktiver, leichter und macht mehr Freude.
Das Konzept der Notfuttervorlage will und kann allerdings nicht die Tragfähigkeit des Winterlebensraums erhöhen. Der Verlust an Lebensraum und menschliche Störungen können nicht ausgeglichen werden, Verbiss- und Schälschäden nicht vermieden werden. Dies gilt aber genauso für zentrale Winterfütterungen. Will man Schäden verhindern, muss erst die Höhe des Wildbestandes an den Lebensraum angepasst werden.
Exkursion
Der Forstverein veranstaltete, thematisch zu den Vorträgen eine Exkursion nach Vorarlberg und Liechtenstein mit ca. 45 interessierten Teilnehmern. Nach einer allgemeinen Einführung über die Wildsituation in Vorarlberg wurde die Rotwildüberwinterungsstrategie an Hand eines Rotwildgatters auf der Vorarlberger Seite des Saminatals diskutiert. Dort wurde erläutert, dass dieses Wintergatter (geplanter Überwinterungsstand 70 Stück, tatsächlicher Überwinterungsstand 170 Stück) weder der forstlichen, noch der jagdlichen Zielsetzung gerecht werden konnte.Wildschäden wurden nicht verhindert, die Kondition des Rotwildes wurde auf Grund deutlicher überhöhter Wildstände verschlechtert. Auch die anwesenden Jäger attestierten die deutlich überhöhte Wilddichten in dieser Region, die Finanzierung des Wintergatters ist in diesem Umfang längerfristig nicht aufrecht zu erhalten.
Das angesprochene Gatter ist von Anfang an zu klein konzipiert worden, die umliegenden großflächigen Durchforstungsflächen werden dadurch nicht genug entlastet.
Auf der liechtensteinschen Seite des Saminatales war die ehemalige Almsiedlung Steg Ziel der Exkursion. Hier konnten sich die Exkursionsteilnehmer vor Ort über die Erfahrungen von Forstdirektor Dr. Näscher über das liechtensteinsche Überwinterungskonzept informieren. In der Nähe dieses Exkursionspunktes soll in Zukunft auch eine großflächige Wildruhezone entstehen, um die Tragfähigkeit des Wildlebensraumes zu erhöhen.
Außerdem wurde festgestellt, dass begleitend dazu der Wildbestand in Liechtenstein unbedingt reduziert werden muss, um die wichtige Schutzfunktion der Wälder zu erhalten.
Bericht: Tiroler Forstverein
