Vorträge zum Thema Landschaftsentwicklung
Am Freitag, 24. Oktober 2008 veranstaltete der SFV in St. Peter/Lajen eine interessante Vortragsreihe. Referenten waren Dr. Joachim Mulser vom Amt für Landschaftsökologie und Dr. Roland Dellagiacoma, Direktor der Abteilung Natur und Landschaft.
Der Tagungsort St. Peter / Lajen wurde bewusst gewählt, da er sich inmitten einer kleinstrukturierten, prächtigen Landschaft befindet. Da zudem das herrliche Herbstwetter lockte, unternahm man nach dem Vortrag eine kurze Wanderung durch die farbenprächtige Heckenlandschaft bis zum Hubertushof, wo ein gutes Mittagessen eingenommen wurde.
„Landschaftsinventar – Werte unserer Kulturlandschaft : kennen und sichern“
Dr. Joachim Mulser, Amt für LandschaftsökologieDas Landschaftsinventar ist eine Situationsanalyse und Bestandsaufnahme der ökologisch wertvollen Elemente in der Kulturlandschaft. Es handelt sich dabei um eine wertvolle Datengrundlage für konkrete Maßnahmen zur Umsetzung einer nachhaltigen und bewussten Gestaltung der Landschaft.
Dr. Mulser stellte die Kategorien des Landschaftsinventars vor: Feuchtlebensräume, Flurgehölze, Trockenmauern und extensiv bewirtschaftete Wiesen, usw.
Komplementär zu Bauleit- und Landschaftsplänen soll das Landschaftsinventar die Steuerung der Landschaftsentwicklung auf Gemeindeebene und den Umgang mit der Natur, besonders in der intensiv genutzten Kulturlandschaft, verbessern. Mit Hilfe des Landschaftsinventars werden diese Bereiche thematisiert, was auch zu einer entsprechenden erhöhten Sensibilisierung führt.
Schließlich wies der Referent darauf hin, dass das Inventar als Entscheidungshilfsmittel zur Erhaltung und Entwicklung des „landschaftlichen Kapitals“ beitragen soll. Gleichzeitig stellte er eine schrittweise Übertragung der Kompetenzen in Aussicht, was gleichzusetzen sei mit der Übertragung der Verantwortung an die Gemeinden. Bereits in 10 Gemeinden konnte mittels einheitlicher Erhebungsmethoden eine dynamische praxisorientierte Datenbank mit Berücksichtigung der lokalen Besonderheiten angelegt werden. Das Ergebnis ist ein EDV-abrufbares, gemeindebezogenes, kartografisches und fotografisch festgehaltenes Landschaftsinventar, welches jedem Bürger zugänglich ist.
Dr. Joachim Mulser schloss mit einem viel sagenden Spruch von Dale Carnegie: „Es gibt auf der Welt nur einen Weg, die Menschen dazu zu bringen, etwas Bestimmtes zu tun: Man muss erreichen, dass sie es selber tun wollen. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht!“
„Die Veränderung der Landschaft – vom Verlust zur Aufwertung“
Dr. Roland Dellagiacoma, Direktor der Abteilung Natur und LandschaftIm zweiten Vortrag des Tages behandelte Dr. Roland Dellagiacoma folgende Punkte:
1. Was ist Landschaft?
Landschaft ist laut Alexander von Humboldt „der Totalcharakter einer Erdgegend“. Laut europäischer Landschaftskonvention lautet die Definition etwas anders. Der Referent unterstrich, dass Landschaftsschutz nicht ausschließlich bewahrenden Charakter haben darf, sondern fordert einen bewussten Umgang mit dem Landschaftswandel. Landschaft hat viele Dimensionen: geografische, ökologische, ökonomische, ästhetische und sinnliche.
2. Landschaftsveränderung
Bei der Landschaftsveränderung spielen natürliche und menschliche Faktoren die entscheidende Rolle. Landschaft ist das Ergebnis dieser Interaktionen.
3. Gründe/Folge des Landschaftswandels
Die Globalisierung, die Anpassung der Lebensstile, die Beliebigkeit, die Zersiedelung, die Verstädtung, die Intensivierung, die Extensierung und schließlich der „Turbo-Lifestyle“ tragen dazu bei, dass sich Landschaftswandel vollzieht. Im Vortrag wurde unterstrichen, dass der Blick vom Kleinen auf das Große gerichtet und interdisziplinär gedacht werden muss. Zusammenhänge müssen hergestellt und interpretiert werden.
4. In welcher Landschaft wollen wir leben?
Dr. Dellagiacoma stellte die Frage in den Raum, ob wir in einer anonymen austauschbaren oder authentischen regionalen Landschaft mit hohem Wiedererkennungswert leben wollen. In einer städtischen oder ländlichen? In einer Produktionslandschaft? In einer neuen Kulturlandschaft…
5. Stellenwert der Landschaft als kollektives Gut
Für den Abteilungsdirektor der Abteilung Natur und Landschaft ist die Landschaft unser größtes Kapital. Vor allem bei baulichen Eingriffen muss dieses Ziel formuliert und einige Grundsätze beachtet werden:
- Schöne, unverkennbare Landschaften sind zu erhalten, ebenso die Identität
- Den Orten muss das Unverwechselbare erhalten oder zusätzlich verliehen werden (der Nivellierung muss entgegen gearbeitet werden!)
- Mit dem Vorhandenen muss sorgsam umgegangen werden. Ohne Herkunft keine Zukunft!
- Die Potentiale des Ortes müssen erkannt und gestärkt werden
- „Regeln“ für das Bauen aus den „Konstanten des Ortes“ (G.A. Caminada) müssen entwickelt werden
- Hochwertige Verdichtung nach innen muss vor die Zersiedelung gesetzt werden
6. Instrumente der Landschaftsentwicklung
Verschiedene Gesetze, Konzepte, Pläne und Leitbilder sind für den Vortragenden zur Genüge vorhanden. Er spricht der Funktion der Gemeindebaukommission eine wichtige, ja entscheidende Rolle zu. Die Beratung auf Gemeinde- als auch auf Landesebene müsse verstärkt werden. Ein diesbezüglicher positiver aber nicht ausreichender Lichtblick ist der seit zwei Jahren eingesetzte Fachbeirat für Baukultur und Landschaft, welche sowohl von Gemeinden als auch Einzelpersonen zur Beratung angefordert werden kann.
7. Eingriffsqualität
- „Einbindung in die Landschaft“ muss als Grundsatz gelten, denn jede Bauaufgabe ist einzigartig.
- Die Aufmerksamkeit muss auf die Landschaft und die Umgebung gerichtet werden, nicht so sehr auf den Bau selbst
- Größere Geländeveränderungen sollen möglichst vermieden werden
- Einbindung in den Kontext ist absolut erforderlich
- Die Materialwahl ist ausschlaggebend, Proportionen müssen abgestimmt werden
- Die formale Gestaltung und die Farbgebung sollten Rücksicht auf die Umgebung nehmen
8. Resümee und Fazit
Landschaft ist überall
Landschaft ist kein Zufallsprodukt
Landschaft bewusst gestalten oder Wildnis zulassen
Keinen nostalgischen Landschaftsidealen nachtrauern
Zusammenspiel zwischen Tradition und Moderne
„Tradition ist die Weitergabe des Feuers, nicht die Anbetung der Asche“ (G. Mahler)
Maßhalten im Umgang mit Naturressourcen!
Baukultur beginnt bei der Kultur der Menschen (des Bauherrn)
Wer gute Bauten fördern will, muss schlechte Bauten verhindern!
Ortsüblich ist nicht Ortsgerecht
Alltäglich ist nicht banal
Eine breitgestreute Baukultur bei Alltagsbauten ist wichtiger als architektonische highlights
Wirklich gute Architekten sind „leise“ Architekten.
Bericht: Dr. Andreas Feichter