100 Jahre Kaiser-Jubiläums-Bäume
In den Wirren des Revolutionsjahres 1848 bestieg der junge Erzherzog Franz Josef von Habsburg (1830 – 1916) den Thron der gebeutelten Donaumonarchie, die unter seiner Regierung einen glanzvollen Aufschwung erlebte. Im 20. Jahrhundert war der greise Monarch jedoch die letzte Integrationsfigur des nunmehr von der Nationalstaatsidee bedrohten Vielvölkerreiches geblieben. Unter diesen Vorzeichen rüstete sich 1908 die gesamte kaisertreue Monarchie für das diamantene Thronjubiläum.Der Forstverein für Tirol und Vorarlberg rief unter Führung seines Präsidenten Dr. Anton Freiherr von Longo-Liebenstein auf, „allerorten ein Denkmal der Huldigung für den geliebten Monarchen zu stiften. Was eignet sich wohl besser, kommenden Geschlechtern die Gesinnungstreue und die unwandelbare Liebe zu dem gütigen, allüberall verehrten Landesvater vor Augen zu führen, als ein oft den Jahrhunderten, den Stürmen und Wettern trotzender Baum!“
Der Aufruf stieß auf übergroße Resonanz, so dass im Laufe des Jubeljahres zwischen Kufstein und Ala nicht weniger als gezählte 146.872 Bäume gepflanzt wurden. Dieser Erfolg ist umso bemerkenswerter, als es vor 100 Jahren weder eine „grüne“ Bewegung noch eine Umweltdebatte gab - und sich erst recht niemand Sorgen um die CO2-Bilanz in der Atmosphäre zu machen brauchte. Wäre heute eine ähnliche Pflanzaktion, vielleicht als nachhaltige Erinnerung an das bevorstehende Gedenkjahr 1809 – 2009, nicht umso aktueller?
In den allermeisten Gemeinden ging die Initiative zur Pflanzung der Jubiläumsbäume von den Gemeindevorstehungen bzw. Markt- und Stadtmagistraten aus. Weitere aktive „Korporationen“ waren die k.k. Bezirks-Forstinspektionen, k.k. Gemeinde- und Bezirksschießstände bzw. Schützen, k.k. Forst- und Domänen-Verwaltungen, fürstbischöflichen Mensal-Forstämter, k.k. Bezirkshauptmannschaften sowie Verschönerungs-Vereine.
In einigen Gemeinden haben sich in größerer Anzahl auch private Bürger dieser Jubiläumsaktion angeschlossen. Gemessen an der Bevölkerungsanzahl gab es die meisten Kaisersympathisanten vom ganzen Kronland Tirol demnach in den Sprachgrenzgemeinden Salurn, Gfrill, Aldein und Kurtatsch. Mit Abstand folgen die Gemeinden Eppan, Kaltern, Aßling (Pustertal), Oberrasen, Zwölfmalgreien und Grigno (Valsugana).
An öffentlichen Plätzen erfolgte die Pflanzung häufig im Rahmen eines patriotischen Festaktes mit Beteiligung von Musikkapellen, Schützen, Feuerwehr, Chören, Veteranenverbänden, Gesellenvereinen sowie Schulklassen; mit Huldigungsansprachen der kirchlichen und weltlichen Honoratioren; mit Vivat-Rufen, Böllerkrachen und Salvenschießen; und klang mit dem feierlichen Absingen des „Gott erhalte unsern Kaiser, unser Land“ aus. Es war die letzte landesweite, glanzvolle Zelebration der Monarchie; bei Manchen mag wohl schon die dunkle Ahnung mitgeschwungen haben, dass diese inbrünstige Bitte in der Kaiserhymmne nicht mehr lange helfen werde.
Die bevorzugten Pflanzstandorte
Da die Initiative meist von den Behörden ausging, ist es nahe liegend, dass diese die Bäume meist vor Rathäusern, Schulhäusern, Kirchen, an Plätzen, Straßenkreuzungen oder als Allee gepflanzt haben; in Städten häufig in Parkanlagen. Auffallend oft wird der Gemeinde- oder Bezirksschießstand ausgewählt. Als Nachklang an die alte Tiroler Wehrfreiheit, gab es selbst in Kleingemeinden eigene Schießstände; sie waren für eine derartige patriotische Aktion prädestiniert und hier fand sich außerdem eher ein geeigneter Platz als in den beengten Siedlungen. Großflächige Pflanzungen gingen meist von den k.k. Forstinspektionen aus, die daneben auch ihre Verwaltungssitze und Forstgärten mit einzelnen Zierbäumen schmückten. Private Bürger pflanzten die Kaiserbäume meist neben ihren Höfen und Ansitzen.
Auch landschaftlich markante Aussichtskuppen waren beliebt. In Kastelruth etwa pflanzte der Verschönerungs-Verein „eine Linde auf dem jetzt in einen Naturpark und Kalvarienberg umgewandelten ehemaligen Schloßhügel, dem Kofel. Der Baum steht auf freiem, aussichtsreichem Platze. An einem roh aufgestellten großen Porphyrstein sind die Buchstaben F. J. I. und die Jahreszahl 1848 – 1908 eingehauen.“ In Eppan ließ Graf Bruno Khuen-Belasi „10 Zedern an landschaftlich hervorragend schönen Punkten“ anpflanzen. In Gfrill pflanzte Karl Dalvai drei Ulmen „am schönsten Platze des Hofes“.
Auf seinem Kerschbamhof in Buchholz setzte auch Karl Noldin, der Vater des nachmaligen Opfers der Katakombenschule Dr. Josef Noldin, mit einem - wie könnte es anders sein - Kirschbaum ein Zeichen seiner Kaisertreue. Der k.k. Bezirksforstmeister von Schlanders ließ zwei Zirben pflanzen „beiderseits des Denkmales des Nordpolfahrers Payr am unteren Rande des Suldener Staatsforstes“. In ganz Tirol wurden 1908 neben 573 Einzelstandorten 45 größere Anlagen und 13 Alleen angelegt. Voller Stolz berichtet der Forstverein, dass „besonders durch die Anlage von Alleen und Parken, außer dem Zwecke der Huldigung nebenbei die landschaftliche Schönheit gefördert worden ist.“
Verschiedentlich wurden die Pflanzungen durch einen Holz- oder Metallzaun geschützt und mit eigenen Erinnerungssteinen oder -tafeln mit den denkwürdigen Jahrzahlen 1848 – 1908 versehen. Die häufigsten Inschriften waren: „Jubiläums-Pflanzung 1908“, „Jubiläums-Kultur 1908“, „Kaiser-Jubiläums-Bäume“; ausführlicher in der Pusterer Gemeinde St. Sigismund: „Zur Erinnerung an das 60jähr. Regierungs-Jubiläum Sr. Majestät des Kaisers Franz Josef I.“ oder im Nonsberger Fondo: „1848 – 1908. Einjährig Freiwillige des 88. Infanterie-Regiments und der 88. Landesschützen-Brigade“.
Ihre Kaisertreue weithin sichtbar darstellen wollte Bice Armanini, Hofbesitzerin in Gschnon bei Montan, die 200 Zirben pflanzen ließ: „Die Anlage bildet die Buchstaben F. J. I., beziehungsweise die „Krone“, ist mit Drahtzaun geschützt und mit einer Gedenktafel versehen.“ Eine originelle Idee hatte man in der welschtiroler Gemeinde Terres, es wurde nämlich „unter dem Baum, der auf dem Platz gesetzt worden ist, ein Schriftstück, in einer Flasche hermetisch verschlossen, gelegt“. Wer weiß, ob diese „Flaschenpost“ aus der k.k. Monarchie schon geöffnet wurde.
Manche dieser patriotischen Pflanzaktionen wurden durch Einbeziehung der Schulklassen zu einer – wie wir heute sagen würden – praxisorientierten umweltdidaktischen Initiative: „In der Stadt Brixen a. E. eine Linde umgeben von Ziersträuchern und einigen Ahornbäumen in der Parkanlage an der neuen Erzherzog Eugen-Straße; zur Anpflanzung wurden die oberen Klassen der Knabenvolksschule beigezogen“. Die deutsche Schule in Arco beendete die Pflanzaktion mit einem „Huldigungstelegramm“ an den Kaiser.
Einen symbolträchtigen Position: hat das k.k. Straßenbaupersonal der k.k. Ampezzaner Reichstraße für ihre Hommage an den greisen Kaiser gewählt: sie pflanzten im Gemärk, der Wasserscheide zwischen dem deutschsprachigen Toblach und dem ladinischen Ampezo, eine Esche. „Vor dem Baum ist eine Steinpyramide aufgestellt, in welche eine Steintafel eingemauert ist mit der Inschrift: F. J. I. 1848 – 1908“. Niemand hätte damals wohl gedacht, dass der hoffnungsvolle Setzling wenige Jahre darauf mitten in das Schussfeld der Front geraten würde und in der Folge auch noch eine Landesgrenze hier gezogen würde. Zumindest diese scheint 100 Jahre später, nach der jüngsten Volksabstimmung in Ampezo wieder in Frage gestellt.
Die verwendeten Baumarten
In der Tabelle im Anhang ist minutiös die Vielfalt der einzelnen gepflanzten Baumarten aufgelistet. Die Schwarzkiefern, Lärchen, Rotfichten, Weißkiefern, Akazien, Götterbäume, Eschen, Weißbuchen wurden großteils auf Initiative der Forstinspektionen bei Aufforstungen von Kahlflächen und degenerierten Weiden eingebracht – bezeichnenderweise fast ausschließlich im übervölkerten Welschtirol, wo infolge der Notlage arger Raubbau am Wald betrieben wurde. Auch im waldarmen Vinschgau wurde aufgeforstet, so in Laas „300 Akazien, 100 Steinulmen, 300 Eichen, 800 Eschen, 2000 Lärchen, 300 Ahorne, 1000 Schwarzkiefern, 100 Linden am Bühel in der Umgebung der St. Sisinius-Kapelle. Es ist beabsichtigt einen Jubiläums-Park in der Ausdehnung von 1 ha anzulegen.“
Bei den Siedlungen wurden in überraschend hoher Anzahl auch exotische Zierbäume gepflanzt, hätte man doch zu einem derartigen patriotischen Anlass eher „deutsche“ Eichen oder Linden erwartet. Dies zeugt zweifellos vom offenen Geist in der Monarchie und vom Einfluss des damals in Tirol boomenden Fremdenverkehrs mit seinen Kurparken und Grand Hotels. Auch die Überlegung, dass es für den Kaiser schon etwas Besonderes sein müsse, mag bei der Pflanzenwahl eine Rolle gespielt haben. So pflanzte 1908 mein Urgroßvater Anton Schweiggl (1830 bis 1921- er war immer stolz fast auf den Tag genau gleich alt wie der Kaiser zu sein) auf seinem Sommerhof in der abgelegenen Gemeinde Unterfennberg acht (aus Amerika stammende) Eschenahorne. Da im Jubiläumsjahr auch mein Vater Anton zur Welt kam, waren es gleichzeitig seine Geburtsbäume.
Wie viele überleben noch?
„Sämtliche Baumarten des heimatlichen Bodens sind vertreten, die Edelkastanie und der Olivenbaum, die Kinder des Südens, sowie die wetterharte Zirbe und die den Stürmen trotzende Eiche. Mögen sie alle gedeihen und der Nachwelt die Erinnerung festhalten an das historische Ereignis des 60jährigen Regierungs-Jubiläums Sr. Majestät Kaiser Franz Josef I.“
Die Zeitläufe haben es nicht gut gemeint – mit den meisten Bäumen nicht und nicht mit der Monarchie. Selbst ein so genanntes 1000jähriges Reich ist inzwischen recht bald wieder zusammengebrochen. Wenn man von einigen eher kurzlebigen Laubbaumarten absieht, hatten die ausgewählten Jubiläumsbäume durchaus das Zeug, an geeigneten Position:en ein Jahrhundert wohlbehalten zu überdauern.
Viele Jungbäume mögen in der Not der Kriegsjahre, wo es um das nackte Überleben ging, an mangelnder Pflege oder Übernutzung der Flächen eingegangen sein. Die speziell als Kaiserbäume gekennzeichneten fielen dann im südlichen Tirol wohl den italienischen Invasionstruppen und später den faschistischen Potentaten zum Opfer, die alles Österreichische ausmerzen wollten. („Unschuldige“ Bäume als Opfer neuer Machthaber – später aber auch Zielscheibe des Volkszorns der Unterdrückten: so mancher „Fascio-Baum“, der bei pompösen Aufmärschen des imperialen Regimes gepflanzt wurde, wurde alsbald nächtens geknickt. Ertappte Baumfrevler büßten damals freilich mit Gefängnis und Verbannung.)
Wo die Jubiläumsaufforstungen aufgekommen sind, wurden sie bei Erreichen der Hiebreife genutzt - durchwegs im Sinne der Stifter, war doch aus Ödland erfolgreich Wald geworden. Und der Wald ist ewig, zumindest bei – wie man heute sagt – nachhaltiger Nutzung.
Die meisten Opfer unter den Jubiläumsbäumen bei den Siedlungen, dürfte wohl unsere nimmersatte Wirtschaftsweise gefordert haben: Straßenverbreiterung, Asphaltierung, Bauwut, Grabungen, Rodung und Intensivierung - und nicht zuletzt gedankenlose Unwissenheit. Der Forstverein hat diese Gefahren vorausgeahnt und deshalb die hohen Kosten der Festschrift mit allen minutiös aufgelisteten Pflanzstandorten der Kaiserbäume auf sich genommen.
„Wenn auch der Baum durch seine große Lebensdauer sich besonders dafür eignet, späteren Generationen die Erinnerung an historisch wichtige Tatsachen wachzurufen, so ist es leicht möglich, dass durch Unwissenheit sowie durch Entfernung von Inschriften und Umzäunungen an Jubiläums-Bäumen deren Charakter vielleicht schon im Laufe einiger Jahrzehnte verloren geht, selbe außer Evidenz geraten.“
Von einigen als Naturdenkmal geschützten Einzelbäumen abgesehen, wissen wir heute nicht, wo Kaiser-Jubiläums-Bäume noch überlebt haben. Anhand der guten Beschreibungen der Pflanzorte wäre eine systematische Nachforschung unschwer zu bewerkstelligen. Eine lohnende Aufgabe vielleicht für die Schützen – oder für unsere Forststationen, die beispiellose Pflanzaktion ihrer Vorgänger in den k.k. Forstinspektionen wieder in „Evidenz“ zu nehmen.
Kaiser-Jubiläums-Pflanzungen 1908 in Tirol
| Nadelbäume | Laubbäume | ||
| Schwarzkiefern | 50.246 | Akazien | 6.891 |
| Lärchen | 40.286 | Götterbäume | 2.304 |
| Rotfichten | 28.022 | Eschen | 1.956 |
| Weißkiefern | 11.137 | Weißbuchen | 1.000 |
| Zirben | 958 | Ahorne | 825 |
| Pinien | 507 | Linden | 818 |
| Cypressen | 161 | Eichen | 338 |
| Pinus Banksiana | 50 | Ulmen | 249 |
| Zedern | 44 | Edelkastanien | 201 |
| Weißtannen | 17 | Wilde Kastanien | 200 |
| Douglastannen | 16 | Nußbäume | 135 |
| Thujen | 14 | Platanen | 90 |
| Weymouthskiefern | 13 | Apfelbäume | 61 |
| Wellingtonien | 11 | Tulpenbäume | 54 |
| Japan. Goldlärchen | 6 | Pappeln | 46 |
| Sitkafichten | 6 | Roteichen | 40 |
| Wacholder | 5 | Birnbäume | 30 |
| Nordmannstannen | 4 | Süße Ebereschen | 23 |
| Blautannen | 3 | Ebereschen | 15 |
| Balsamtannen | 3 | Paulownien | 12 |
| Abies concolor | 1 | Trauerweiden | 10 |
| Eibe | 1 | Weiden | 6 |
| Summe derNadelhölzer | 131.511 | Kirschbäume | 6 |
| Maulbeerbäume | 5 | ||
| Feldahorne | 4 | ||
| Rotbuchen | 3 | ||
| Eschenblättriger Ahorn | 3 | ||
| Roter Ahorn | 3 | ||
| Retinispora plumosa | 3 | ||
| Olivenbäume | 2 | ||
| Lorbeerbäume | 2 | ||
| Palmen | 2 | ||
| Birke | 1 | ||
| Silberahorn | 1 | ||
| Weinstock | 1 | ||
| Verschied. Laubhölzer | 21 | ||
| Summe der Laubhölzer | 15.361 | ||