Vom Waldbrennen und Waldessen – kann die Biomasse aus dem Wald das Weltklima retten?
Antwort auf diese Frage gab am Freitag, den 22. Februar 2008, im Rahmen der 30. Vollversammlung des Forstvereines in Terlan Univ. Prof. Dipl. Ing. Dr. Gerhard Glatzel, wobei er die Nutzung der Biomasse in geschichtlicher, ökologischer und politischer Hinsicht erläuterte.
Vom Waldbrennen und Waldessen
Schon vor 1,5 Millionen Jahren wurde mit der Nutzung der Biomasse durch den Menschen begonnen, in dem er durch das Einsetzen von Feuer seine Umgebung so zu verändern versuchte, um die Jagd und somit sein Überleben zu erleichtern. Aber auch die Tiere nutzten seit jeher Biomasse, wenn auch nur zu einem sehr geringen Teil, indem alle erreichbaren Zweige und Blätter abgefressen wurden.
Durch das Sesshaft-Werden gewann das Holz immer mehr an Bedeutung als Bauholz für Hütten, Häuser, Kriegsschiffe, Waffen, usw. Ferner hat der Mensch die Baumartenzusammensetzung der Wälder stark geprägt und fruchttragenden Bäume (z.B. in den Tropen) gefördert. Zugleich wurde dem Wald durch Ackerbau Boden entzogen: Der Wald wurde genutzt, Schlagrückstände verbrannt und dann bis zur Erschöpfung des Bodens Ackerbau betrieben. Nach Auflassen des Ackerbaus wurden diese Flächen beweidet und schließlich dem Wald wieder zurückgegeben. Überdies fand ein Transfer der Produkte aus dem Wald in die Landwirtschaft statt: Erhebliche Mengen an grüner Blattmasse und Falllaub aus Wäldern wurden in der Landwirtschaft als Viehfutter und Dünger eingesetzt.
Industrialisierung und die erste europäische Energiekrise
Eine dramatische Wende fand mit dem Bevölkerungszuwachs und mit dem Beginn der Industrialisierung um 1700 statt, die eine Verwüstung bzw. totale Erschöpfung der Wälder zur Folge hatten. Der Großteil des Holzes diente als Brennholz oder Holzkohle der Energieerzeugung oder wurde als Rohstoff, wie z.B. Pottasche oder Lohrinde in Gewerbe und Industrie eingesetzt. Die Möglichkeit mittels der Dampfmaschine thermische Energie in mechanische umzuwandeln, führte im 18. und 19. Jahrhundert zu einem dramatischen Anstieg des Holzverbrauches.
Durch diese Holzknappheit im 19. Jahrhundert entstanden die ersten Waldordnungen sowie Nachhaltigkeitsmodelle. Man suchte nach Alternativen. Die Energieversorgung ging nachfolgend auf fossile Energieträger über, und die Waldbiomasse als Nährstoffträger wurde von industriell hergestellten Düngemitteln abgelöst. In der Folge entwickelten sich die Forstbetriebe immer mehr zu Veredelungsbetrieben, in welchen der Biomassenzuwachs in möglichst wertvolle Holzsortimente umgewandelt wird.
Holz, Restholz, Nichtholz - Ein Exkurs in Waldernährung
Eine Besonderheit der Wälder ist ihr relativ geschlossener Nährstoffkreislauf. Die Bäume nehmen die Nährstoffe großteils aus dem Boden. Pflanzenwachstum ist somit immer mit Bodenversauerung verbunden. Mit dem Laubfall gelangen die Nährstoffe aber wieder auf den Waldboden, wo sie durch Abbauprozesse allmählich freigesetzt werden und somit wieder in den Boden zurück gelangen.
Da Holz über einen sehr geringen Anteil an Nährstoffen verfügt, führt die konventionelle Holzernte zu geringen Nährstoffverlusten (im Vergleich zur landwirtschaftlichen Produktion mit einem wesentlich höheren Nährstoffentzug) und ermöglicht so auf den meisten Position:en eine nachhaltige Holzproduktion ohne Einsatz von Düngemitteln.
Waldbrennen II: Das neue Interesse an der energetischen Verwertung der Waldbiomasse
Durch die neuen Märkte für energetisch nutzbare Biomasse sind die Sammlung und der Verkauf der bisher bei der Holzernte zurück gelassenen Biomasse, das so genannte „Restholz“, wieder attraktiv. Da das „Restholz“ nur 10 bis 15 % der Holzproduktion ausmacht, geht man davon aus, dass diese Entnahme kaum Auswirkungen auf den Nährstoffhaushalt der Wälder hat. Dabei wird aber vergessen, dass der Großteil der Nährstoffe in Nadeln, Knospen und Rinde enthalten ist, die durch Entnahme des „Restholzes“ dem Waldboden entzogen werden und somit erhebliche Bodenverarmung und -versauerung mit sich bringen.
Wie viel Nährstoffe werden mit 1 Tonne Biomasse (Fichte) entzogen?
| Nährstoffentzug (kg) | mit 1t Derbholz i.R. | Nährstoffentzug (kg) | mit 1t Reisig mit Nadeln |
| N | 0,7 | N | 6,5 |
| P | 0,2 | P | 0,9 |
| K | 0,7 | K | 3,8 |
| Ca | 2 | Ca | 6,5 |
| Mg | 0,3 | Mg | 1,1 |
Das „Restholz“ ist außerdem Lebensraum und Nahrungsgrundlage vieler Bodenorganismen, welche für alle Bodenfunktionen unerlässlich sind. Es ist daher eine große Selbsttäuschung anzunehmen, dass man „Restholz“ ernten kann, ohne an Bodenfruchtbarkeit zu verlieren.
Biokraftstoffe: Die Grenzen des Ackerbaus – Wildrodung für Plantagen oder Biokraftstoffe aus Waldbiomasse
Heute fordern und fördern die europäische und auch die globale Energiepolitik aufgrund der Verknappung fossiler Energieträger und vor allem auf Grund des Klimaschutzes den vermehrten Einsatz erneuerbarer Rohstoffe und Energieträger.
Die Agrarpolitik will zur wesentlichen Steigerung der pflanzlichen Biomasse, die nicht als Nahrungs- oder Futtermittel dient, beitragen. Jedoch sind der Landwirtschaft Grenzen gesetzt: Laut FAO (2007) eignen sich nur 11% der Böden unserer Erde für Ackerbau. Ökologisch gesehen, sind jährlich bearbeitete Böden erosionsanfälliger auf Grund der nur saisonalen Durchwurzelung des Bodens. Ebenso ist hier der Nährstoffaustrag aus dem Boden wesentlich größer und muss mithilfe von Düngung und Kalkung kompensiert werden. Daraus resultieren wiederum Belastungen des Grundwassers mit Schadstoffen (aufgrund des Stoffaustrages mit dem Sickerwasser).
Energieholzplantagen machen – im Vergleich zu einjährigen Energiepflanzen aus dem Ackerbau – ökologisch einen Sinn, weil deutlich mehr Kohlenstoff im Boden gespeichert wird und Nährstoffauswaschung sowie Erosion vermindert wird. Sie sind jedoch auf Grund des wesentlich größeren Entzuges an Nährstoffen grundsätzlich auf Düngung angewiesen. Im Hinblick auf das Klimaschutzargument ist zu bedenken, dass Düngung auf schweren und feuchten Böden – diese Böden sind für den Ackerbau nur bedingt geeignet und stehen daher vermehrt für Energieholzplantagen zur Verfügung – zu Denitrifikation und zur Ausgasung von N2O führt. N2O ist im Verhältnis zu CO2 ein fast 300-mal so wirksames Treibhausgas mit langsamerem Abbau in der Atmosphäre.
Schlussfolgerungen
1. Biomasse als Energieträger kann den steigenden Energiebedarf der Menschheit nicht decken und das Weltklima nicht retten.
2. Umstieg auf Baumplantagen kann für Investoren in Tropenländern interessant sein, der mögliche finanzielle Erfolg ist jedoch extrem energiemarktabhängig.
3. Traditionelle Forstbetriebe im gemäßigten sowie kühlen Klima, insbesondere in Gebirgsgegenden, sollten weiter auf Veredelung setzen.
4. Holzabfälle können sinnvoller für dezentrale energetische Nutzung und Pellets eingesetzt werden und erhöhen die Krisensicherheit. Nährstoffaustrag sowie Bodengewässer- und Biodiversitätenschutz sind zu beachten.
5. Zentrale Großanlagen zur Energieerzeugung oder Biokraftstoffproduktion aus Waldbiomasse machen insbesondere in Gebirgsgegenden keinen Sinn.
Bericht: Imelda Ellecosta