Wildgerechte Waldwirtschaft
Wald und Schalenwild - ein sehr breites und komplexes Thema, das allzu oft sehr emotionsbeladen behandelt wird. Prof. Fritz Reimoser verdeutlichte in seinem Vortrag auf sehr sachliche Weise, welche Überlegungen im Sinne einer wildgerechten Waldbewirtschaftung angestellt werden sollten.Bericht: Ulrike Raffl
Die Forstwirtschaft hat durch die Veränderung der Waldvegetation eine entscheidende Einflussmöglichkeit auf den Lebensraum waldbewohnender Wildtierarten. Eine „wildgerechte Waldwirtschaft“ betrifft verschiedene Wildarten. Von besonderem Interesse sind dabei aber die Rauhfußhühner (im Hinblick auf Lebensraumgestaltung) und die Huftiere (mit potentiellem Schädlingscharakter). Die Wechselwirkung Huftier – Wald steht stark in Abhängigkeit von den forstlichen Maßnahmen. Bei vielen Maßnahmen, die er trifft, ist sich der Forstmann nicht bewusst, dass er auch Habitatmanagement betreibt, meint Reimoser.
Abb. 1: Die Lebensbedingungen des Wildes werden durch den Menschen verändert. Diese Veränderungen beeinflussen oft entscheidend Funktion, Entwicklung und Verhalten der Wildtiere und damit auch die Rückwirkungen des Wildes auf seinen Lebensraum – es besteht eine „Wechselwirkung“ zwischen Wildtieren und deren Lebensraum. Aus: „Richtiges Erkennen von Wildschäden am Wald“, Fritz und Susanne Reimoser, 2002
Je nachdem, welche Wildart man betrachtet, stellen sich verschiedene Fragen. Etwa beim Rotwild: wie kann es in den Lebensraum integriert werden? Oder bei den Rauhfußhühnern: Wie kann die Forstwirtschaft günstige Lebensräume schaffen? Das Haselhuhn liebt als typisches Waldhuhn dichte, artenreiche Mischwälder. Auer- und Birkhuhn bewohnen hingegen aufgelockerte Wälder. Bei diesen beiden Arten beeinflusst auch die Landwirtschaft wesentlich den Lebensraum. Die landwirtschaftliche Nutzung der Wälder in Form von Waldweide und Streunutzung begünstigen die Lebensbedingungen für Auer- und Birkwild: lichte Wälder mit beerkrautreicher Bodenvegetation und viel Insekten. Bei einigen Arten kann die Forstwirtschaft andererseits kaum Einfluss auf den Lebensraum nehmen. Der Luchs z.B. kann in den unterschiedlichsten Gebieten leben. Hier ist vielmehr die Toleranz der Landwirtschaft (Viehverluste durch Luchs) entscheidend.
| „Pflanzen und Tiere gehören zusammen! Nur wenn dieser Zusammenhang gesehen wird, kann die Situation zugunsten des Menschen gesteuert werden.“ |
Biotopkapazität – Wildschadensanfälligkeit – Biotopattraktivität
Die Biotopkapazität (Tragfähigkeit eines Biotops) ist maßgeblich für die Wildschadensanfälligkeit. Man unterscheidet eine biotische (habitatabhängige) und eine wirtschaftliche (schadensabhängige) Biotopkapazität. Schalenwild ist ein Kulturfolger, d.h. es kommt in Urwäldern in geringerer Konzentration vor als in Wirtschaftswäldern. Je weiter die wirtschaftliche Biotopkapazität unter der biotischen liegt, desto größer die Gefahr der Wildschäden. Auch der Jäger hat unter solchen Umständen einen schweren Stand - die jagdliche Wilddichte-Regulierung ist schwierig. Im Hinblick auf die Vermeidung von Schäden sind für Prof. Reimoser Wälder mit geringer Wildschadensanfälligkeit bei gleichzeitig nicht zu hoher Biotopattraktivität optimal.| "Nahrungsangebot erhöhen + nahrungsunabhängigen Besiedlungsanreiz senken = geringere Wildschadensanfälligkeit" |
Abb.2: Faktoren der Biotopattraktivität. (Reimoser 1985)
Abb. 3: Unterscheidung zwischen „Deckungs-einstand“ (Schutz gegen akute Wetterextreme, Feinde etc.) und „Wohneinstand“ für den bevorzugten Aufenthalt außerhalb von Nahrungsaufnahme und akuter Gefahr. (Reimoser 1986)Forstliche Schadensvorbeugung
Wildschäden sind kein monokausales Problem, sondern bedürfen einer komplexen, ganzheitlichen Betrachtung und Bewertung, so Fritz Reimoser. Wichtig für die Forstwirtschaft ist dabei, die Wildschadensanfälligkeit des Waldes günstig zu beeinflussen. Dies geschieht in erster Linie über die Waldverteilung und den Waldzustand: Besonders ungünstig zu bewerten sind geringer Waldanteil, kleinflächige Waldverteilung, spärliche Waldverjüngung erhöhter Besiedlungsanreiz bei mangelndem Äsungsangebot und vorzeitiges Absterben von Altbeständen.
Abb. 4: Entstehung von Wildschäden. Die Forstwirtschaft kann die Wildschadensanfälligkeit wesentlich beeinflussen. (Reimoser 1987)
Reimoser verglich das Äsungsangebot bei Kahlschlag und bei Naturverjüngung unter Bestandessschirm (Abb.6): Das Nahrungsangebot im Naturverjüngungsbetrieb ist etwa doppelt so groß. Beim Kahlschlag mit künstlicher Verjüngung ist das Nahrungsangebot in der Jungwuchsklasse zwar gut, in den folgenden Altersklassen aber spärlich. Der Kahlschlag hat insgesamt weniger Bäumchen in der Verjüngung und ist dadurch anfälliger für Verbissschaden. Im Naturverjüngungsbetrieb ist die Stammzahl der Verjüngung viel größer mit mehr Mischbaumarten – die Verbissschadensanfälligkeit ist gering. Durch die natürliche Überschussproduktion an Verjüngung können wesentlich mehr Bäume vom Wild genutzt werden, ohne einen Schaden für den Wald zu bedeuten. Außerdem spielt auch der Standraumtyp des Jungbaumes (Abb.5) eine Rolle beim Verbiss. In Naturverjüngungs-Gruppen besteht ein gewisser Schutz der Bäumchen durch ihre Artgenossen.
Abb. 5: Verbissprozent in Abhängigkeit vom Standraumtyp des Jungbaumes. Selbstschutz durch Artgenossen (Reimoser 2003).
Abb. 6: Flächenanteil mit Wildäsung in den verschiedenen Entwicklungsphasen eines Waldumtriebes in Abhängigkeit von der waldbaulichen Betriebsform (Reimoser 1984).
Abb. 7: Verbissschadensdisposition des Jungwuchses in Abhängigkeit vom Waldverjüngungsverfahren. (Reimoser 1987)
Anders verhält es sich mit dem Besiedlungsanreiz. Optisch auffällige Randlinien spielen bei der Besiedlungsattraktivität eines Waldes eine große Rolle. Sie dienen dem astigmatischen Schalenwild als Orientierungshilfe und tragen dazu bei, dass sich das Wild sicher fühlt. Reine Streifenkahlschläge sind deshalb äußerst attraktiv für das Wild und werden z.B. in Jagdgebieten in Amerika angewandt, um möglichst hohe Wilddichten zu erzielen.
Probleme für den Wald entstehen dann, wenn solche optisch auffälligen Randlinien nur wenig Nahrung aufweisen.
Beim Kahlschlagbetrieb ergeben sich durch den verstärkten Randlinieneffekt (deutliche Bestandesgrenzen) und den sehr guten Klimaschutz (geschlossene Bestände) ein erhöhter Besiedlungsanreiz und damit eine höherer Wilddichte. Bei gleichzeitig beschränktem Nahrungsangebot entsteht ein sehr ungünstiges Verhältnis von Besiedlungsanreiz zu verfügbarem Äsungsangebot. Wildschäden sind die Konsequenz.
Beim Naturverjüngungsbetrieb besteht hingegen eine naturnähere und ökologisch günstigere Relation zwischen Besiedlungsanreiz und erreichbarem Äsungsangebot.

Probleme für den Wald entstehen dann, wenn solche optisch auffälligen Randlinien nur wenig Nahrung aufweisen.
Beim Kahlschlagbetrieb ergeben sich durch den verstärkten Randlinieneffekt (deutliche Bestandesgrenzen) und den sehr guten Klimaschutz (geschlossene Bestände) ein erhöhter Besiedlungsanreiz und damit eine höherer Wilddichte. Bei gleichzeitig beschränktem Nahrungsangebot entsteht ein sehr ungünstiges Verhältnis von Besiedlungsanreiz zu verfügbarem Äsungsangebot. Wildschäden sind die Konsequenz.
Beim Naturverjüngungsbetrieb besteht hingegen eine naturnähere und ökologisch günstigere Relation zwischen Besiedlungsanreiz und erreichbarem Äsungsangebot.

Abb. 8: Schadensdisposition von Verjüngungsverfahren. 1 = gering (günstig), 5 = hoch (ungünstig). (Reimoser 2003)
Vergleicht man die verschiedenen waldbaulichen Verjüngungsverfahren (Abb.8) miteinander, so hat der Kleinkahlschlag die größte Schadensdisposition. Die geringste Schadensdisposition haben Schirm- Saum- Femelschlagverfahren mit Naturverjüngung. Die Bejagung ist im Naturverjüngungsbetrieb allerdings schwieriger – hier empfiehlt Reimoser Bewegungsjagden. Auch der Plenterwald schneidet bei der Verbissschadensdisposition ähnlich schlecht ab wie der Kleinkahlschlag. Die Gefahr von Schälschäden besteht im Plenterwald hingegen kaum.
| „Beim naturfernen Waldbau ist die Relation Besiedlungsanreiz – Nahrungsangebot gestört.“ |
Die forstliche Planung sollte auch wildökologische Aspekte berücksichtigen und inhaltlich, räumlich und zeitlich in die Maßnahmen einfließen lassen, fordert Fritz Reimoser. Die Forstwirtschaft kann über die
- waldbauliche Betriebsform,
- Baumartenwahl – Baumartenmischung,
- Waldpflege (Technik, Intensität) und
- Walderschließung,
auf die Habitatgestaltung Einfluss nehmen.
Waldbauliche Maßnahmen, die das Verbiss- und Schälrisiko vermindern sind dabei
- Auflockerung des Kronendaches,
- Förderung von Mischwald,
- viel natürliche Verjüngung, viele Verbissgehölze,
- Vermeiden optisch auffälliger Bestandesgrenzen.
- waldbauliche Betriebsform,
- Baumartenwahl – Baumartenmischung,
- Waldpflege (Technik, Intensität) und
- Walderschließung,
auf die Habitatgestaltung Einfluss nehmen.
Waldbauliche Maßnahmen, die das Verbiss- und Schälrisiko vermindern sind dabei
- Auflockerung des Kronendaches,
- Förderung von Mischwald,
- viel natürliche Verjüngung, viele Verbissgehölze,
- Vermeiden optisch auffälliger Bestandesgrenzen.
Landeskultureller Zusammenhang
Eine wildökologische Raumplanung wie in Vorarlberg, Salzburg, Kärnten und bald auch in der Steiermark kann dazu dienen, Umweltschäden zu vermeiden und gleichzeitig dem Schalenwild einen langfristig gesicherten Lebensraum in der Kulturlandschaft zu erhalten. Die Maßnahmen aller Landnutzungsinteressen (Land- und Forstwirtschaft, Jagd, Tourismus) werden regional aufeinander abgestimmt. Die Detailplanung befasst sich dabei mit Habitatschutzgebieten, Schwerpunktbejagung und Biotopvernetzung.Prof. Reimoser stellte klar: Wildtier – Umwelt Probleme dürfen nicht nur in einem ökologischen System gesehen werden, sondern auch in einem landeskulturellen Zusammenhang. Dabei werden folgende Ziele verfolgt:
- Wildtiere in der intensiv genutzten Kulturlandschaft
- Interessenkonflikte reduzieren
- Populationen langfristig sichern
- Wildbestand nachhaltig jagdlich nutzen
Den Wildbestand nachhaltig jagdlich zu nutzen ist eine völlig neue Sichtweise im Naturschutz. Nach einer Resolution der IUCN (International Union for the Conservation of Nature) in Amman (2000) kann die Nutzung der Wildtierfauna grundsätzlich eine Form des Naturschutzes sein, sofern sie nachhaltig ausgeübt wird. Auf der Website www.biodiv.at/chm/jagdwerden „Kriterien und Indikatoren einer nachhaltigen Jagd“ präsentiert, die Experten und Vertretern von Jägerschaft, Wissenschaft, Forstwirtschaft und Naturschutz gemeinsam erarbeitet haben.
In der anschließenden Diskussion sprach sich Prof. Reimoser für die Öffnung der Forststraßen für die Jäger aus. Auf die Frage nach den jagdlichen Möglichkeiten zur Vermeidung von Wildschäden verwies er auf alternative Jagdmethoden: Intervallbejagung und dafür insgesamt längere Schusszeiten (um das Wild insgesamt vertrauter und damit leichter bejagbar zu machen) und Schwerpunktbejagung (um die Wildverteilung so zu beeinflussen, dass insgesamt viel Wild leben kann, aber eben nicht dort wo es Probleme verursacht).
Friedrich Reimoser ist Universitätsprofessor am Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie an der Veterinärmedizinischen Universität in Wien. Er ist Leiter des Fachbereiches Synökologie, Wildtiermanagement und Naturschutz. Seine gegenwärtigen internationalen Forschungsschwerpunkte sind Wildökologische Raumplanung, Waldverjüngung und Wildschaden (Ursachenforschung, Monitoring-Systeme, Biodiversität), nachhaltige Landnutzung und Forstschutzprophylaxe durch integrales Wald-Wild-Weide-Management, sowie Nationalparkforschung.