Ist unser Tourismus wirklich sanft?
Während das Herz des Freizeitmenschen durch eine Vielzahl von Modesportarten beglückt wird, kommen die alpinen Lebensräume und die Wildtiere zunehmend unter Druck. Trotz fortschreitender Naturnutzung prahlt der Fremdenverkehrssektor immer noch mit seinem sanften Tourismus. Anlässlich der Tagung des Südtiroler Forstvereins am 18. November 2005 in Terlan wurde die Frage „Ist unser sanfter Tourismus wirklich sanft?“ aufgeworfen.
Bericht: Andreas Agreiter
Die Referenten aus dem In- und Ausland sprachen über die aktuellen Trends und den Einfluss von Freizeitaktivitäten auf Wildtiere. Ebenso wurden Konzepte für eine naturverträgliche touristische Nutzung vorgestellt und die Rolle des Grundeigentümers zur Sprache gebracht.
„Flucht und Stress bei Wildtieren“
Der Biologe Prof. Armin Landmann erläuterte in seinem Referat die Entwicklung des Tourismus und der Outdoor-Freizeitaktivitäten sowie deren Einfluss auf die Tierwelt.Passend zum Slogan „Fun ist geil“ gibt es im Freizeitsport eine Vielzahl von Trends, welche vor allem durch zwei Eigenschaften, und zwar „everytime and everywhere“, sprich „immer und überall“, charakterisiert sind. Eine neue, sehr beliebt gewordene Sportart ist das Schneeschuhwandern. Die Touren finden überwiegend im Waldgrenzbereich und im Bergwaldbereich statt. Eine Beunruhigung der Wildtiere ist in diesen Gebieten daher unvermeidbar.
Landmann beschrieb die Auswirkungen von Störungen auf die Wildtiere. Der Störreiz verursacht Erregung, erhöhte Aktivität, Flucht und eine Veränderung der Raumnutzung. Es können sich Einflüsse auf Physiologie und Reproduktion ergeben. Eine verschlechterte Energiebilanz, eine erhöhte Anfälligkeit für Parasiten und geschwächtes Feindverhalten führen zu verringerter Fitness, sinkender Fortpflanzungsrate und erhöhter Mortalität. Als Beispiel für eine touristische Beeinträchtigung von Wildtieren nannte Landmann das Birkhuhn. Die Birkwildbalz findet an Geländepartien statt, die freie Sicht und einen Sichtwinkel zum Horizont bieten. Gerade dort stehen zahlreiche Liftstationen.
Das Schneehuhn scharrt sich in Schneelöcher ein und begibt sich zur Nahrungsaufnahme nur kurz auf die Oberfläche. Wenn in dieser Zeit Störungen auftreten, so kann das tödliche Folgen haben. Schneehühner müssen nämlich, bedingt durch ihre fehlende Fähigkeit Fettreserven anzulegen, mit ihrem Energiehaushalt sparsam umgehen.
Stress wirkt sich bei Wildtieren stets negativ aus. Flucht bedeutet ein bedeutender Verlust der Energiereserven. Beim flüchtenden Rotwild beträgt der Mehraufwand an Energie das 10fache des Grundbedarfes.
Das Konfliktpotential Mensch-Tier hängt vom Aktivitätsmuster ab. Die tagaktiven Raufußhühner sind daher Beunruhigungen stärker ausgesetzt als das hauptsächlich nachtaktive Rotwild.
Problematisch sind Störungen von oben. Bei Gamswild kommt es zu einer Änderung der Raumnutzung, wenn ein Flugbetrieb außerhalb normaler Flugrouten aufkommt. Die Gämsen halten sich zunehmend im Wald auf und verursachen dort Verbiss.
Der Referent kam zum Schluss, dass nicht von „wilden Tieren und sanften Touristen“ gesprochen werden könne, sondern viel mehr von „armen Tieren und wilden Touristen“. Es gebe in den Alpen keine sanften Touristen. Realität sei aber, dass die Freizeitnutzung gewisse Rechte habe. Es müsse aber Möglichkeiten geben, Rückzugsrefugien für Tiere zu bewahren. Dies sei auch aus Sicht eines Touristikers als ein Potential für die Zukunft zu sehen. Denn der Tourismus in den Alpen lebe davon, intakte Natur herzeigen zu können.
„Einklang zwischen Skitourismus und Wildökologie“
Der Landesjägermeister von Vorarlberg und Skiliftbetreiber in Lech, Michael Manhart, berichtete in seinem Vortrag über seine Erfahrungen, wie Skitourismus und jagdwirtschaftliche Interessen unter einem Hut gebracht werden können.Als Gegenleistung für eine intensive touristische Nutzung werden für das Schalenwild Ruhezonen geschaffen. Es gibt in Vorarlberg aber auch Sperrzonen zu Gunsten von Raufußhühnern.
Das Land Vorarlberg hat eine Initiative gestartet, um beim Freizeitnutzer mehr Problembewusstsein im Umgang mit der Natur zu schaffen. Unter dem Motto „Respektiere deine Grenzen“ werden die Sport- und Naturfreunde zu einem respektvollen Umgang mit Wald und Wild aufgerufen.
Durchwegs positive Erfahrungen machte der Landesjägermeister auch im eigenen Revier, welches mitten in einer touristisch stark genutzten Zone liegt. An delikaten Stellen brachte er Schilder mit der Aufschrift: „Bitte fahre nicht weiter“ und Verweis auf Wildtiere an. Je nach Jahreszeit wird eine gebotene Uhrzeit angegeben.
Zunehmend ist man in Vorarlberg dabei, in Zusammenarbeit mit dem Alpenverein Routen für Alpinskifahren, Snowboard und Schneeschuhwandern auszuweisen. In den Skigebieten haben die Pistenwächter die Aufgabe, die Wintersportler über Information zu einem ungefährlichem und naturverträglichen Verhalten anzuhalten. Grenzen müssen für den Skifahrer klar erkenntlich sein. Das Pistenpersonal ist auch mit polizeilichen Funktionen ausgestattet.
Besonders sensible Gebiete, beispielsweise die Bereiche um Rotwildfütterungen, werden in Vorarlberg als jagdliche Sperrgebiete erklärt. Bei Nichtbeachtung der Gebote ist eine Einziehung des Skipasses bis hin zur Abnahme der Wintersportausrüstung möglich.
Das Land Vorarlberg setzt vordergründig auf Informationskampagnen, in denen bereits der Jugend auf die Problematik hingewiesen wird und bei der Bevölkerung ein breites Verständnis für die Bedürfnisse unserer Wildtiere geschaffen wird.
„Skibergsteigen umweltfreundlich“
Manfred Scheuermann von der Bundesgeschäftsstelle des Deutschen Alpenvereins referierte über die Umsetzung des Projektes „Skibergsteigen umweltfreundlich“ in Bayern.Der deutsche Alpenanteil ist um einiges intensiver genutzt als die meisten übrigen alpinen Landschaften. Der erhebliche Druck auf Natur und Wildtiere hat den DAV bewogen, Leitlinien auszuarbeiten, um sensible Gebiete zu entlasten.
Wo Handlungsbedarf bestand, wurden die bestehenden Skirouten einer eingehenden Analyse unterzogen. Je nach Notwendigkeit wurden die Skitouren an (wild)ökologische und forstliche Belange angepasst. Umsetzungsexkursionen mit Teilnehmern aus allen Interessensgruppen unterstützten die Festlegung neuer Routenempfehlungen. Die Routen wurden im Gelände erkennbar angelegt, ausgeschildert, Skizzen und Faltblätter für die Tourengeher entworfen und Informationstafeln vor Ort aufgestellt. Jährliche Gesprächsrunden dienen dazu, eine Optimierung und eine Betreuung auf lange Sicht zu garantieren. Lokale und regionale Öffentlichkeitsarbeit unterstützen die Zielerreichung.
In der Projektausführung ging man flächendeckend vor, bislang wurden in Bayern 330 Skitouren bearbeitet, einige Gebiete stehen noch aus.
Neue Trends im Wintersport sind Schneeschuhwandern, Wettkämpfe und Skitourengehen auf Skipisten. Schneeschuhwandern beinhaltet ein hohes Konfliktpotential, da neue zusätzliche Routen und wegloses Gelände dafür geeignet sind. Für Skialpinismus-Wettkämpfe setzt sich der DAV für die Einhaltung der staatlichen und internationalen Umweltstandards ein. Demgemäß kommen als Austragungsorte nur Pistenskigebiete und deren Randbereiche in Frage. Zu Skitouren auf Pisten informiert eine Beschilderung über die differenzierten Routen- und Zeitvorgaben.
Scheuermann betonte, dass eine laufende Betreuung des Projektes notwendig ist, um einen nachhaltigen Erfolg zum Wohle der Natur und der Wildtiere gewährleisten zu können.
„Ist Freiheit grenzenlos?“
Bereits zu Beginn seines Vortrages räumte Thomas Widmann, Landesrat für Tourismus und Mobilität, ein, dass diese Frage fast nicht zu beantworten sei. Die Freizeit ist eine Zukunftsbranche, die nicht aufzuhalten ist.Dank intakter Landwirtschaft hat Südtirol landschaftlich besondere Vorzüge im Vergleich zu manchen Nachbarregionen. Der Tourismus ist in Südtirol mit einem Bruttoinlandsprodukt von über 25% eine unverzichtbare Basis der Wirtschaft. Laut Widmann gilt es, den Tourismus mit Bedacht auf die Ressourcen voranzutreiben, denn nur so könne der Wohlstand gehalten werden. Anzustreben ist eine enge Kooperation von Tourismus und Landwirtschaft.
Der Landesrat ging in seinem Referat darauf ein, ob Einschränkungen vorgenommen werden müssten. Die Trends gehen weiter, der Bedarf steigt ständig, und das Angebot zieht mit. Die Freizeitmobilität kann nicht eingeschränkt werden.
Am Beispiel des Skigebietes Kronplatz meinte der Landesrat, dass wegen der intensiven Nutzung kaum mehr wertvolle Ruheräume vorhanden seien und daher ein weiterer Ausbau ökologisch vertretbar sei. Wo allerdings in unberührten Gebieten neue Skigebiete ins Auge gefasst würden, dort hat es wenig Sinn, diese meist kleinen, oft nicht kostendeckenden Projekte zu unterstützen.
Wichtig sei es in Südtirol, im Tourismussektor auf Qualität zu setzen. Beispiele für qualitativ hochwertigen, sanften Tourismus sei die Vinschger Bahn. Die Seiser Alm hat mit der Umlaufbahn und dem Bestreben, eine autofreie Alm zu schaffen, einen Weg in diese Richtung beschritten.
Nach Ansicht des Landesrates Widmann lässt sich mit Regeln sehr viel nicht regeln. Auf das richtige Maß komme es an: so wenig wie möglich und so viel wie nötig. Und das sei gemeinsam mit allen Betroffenen zu erarbeiten.
In nächster Zukunft strebt das Land an, die Bewusstseinsbildung zu fördern, den Pistenbetrieb außerhalb der Pisten besser zu regeln und Ruhezonen auszuweisen. Die Aufklärung der Freizeitnutzer, insbesondere in den Schulen, bringt bessere Resultate als das Aufstellen zahlloser Regeln. Südtirol ist, so Widmann, auf dem richtigen Weg, aber Diskussionen seien immer notwendig.
„Ich Besitzer – du Nutzer?“
Der Obmann des Südtiroler Bauernbundes, Georg Mayr,unterstreicht die Wichtigkeit einer wildtierverträglichen Landschaftsnutzung, gab aber zu bedenken, dass auch die Grundeigentümer zu Wort kommen sollten. Grundbesitz bestehe fast nur mehr auf dem Papier.Mayr nannte dazu folgende Beispiele:
Forstrecht bricht Weiderecht: Auch dort, wo die Weiderechte seit jeher ausgeübt wurden, kann die Behörde die Weide verbieten.
Wasserrechte: Alle Oberflächengewässer sind für öffentlich erklärt worden. Seither können Gewässer nur mehr über Konzessionen und entsprechende Abgaben genutzt werden.
Jagdrechte: Anders als in Deutschland und Österreich hat der Eigentümer keinen Nutzen von der Jagd. Entschädigungen für eventuelle Wildschäden müssen erkämpft werden.
Pilzesammeln: Der Grundeigentümer erhält nichts von den eingehobenen Gebühren.
Freizeitnutzung: Mancherorts werden ohne Einwilligung des Grundeigentümer Karten für Mountainbike- und Skirouten erstellt.
Skipisten: Es wird nur der Nutzungsentgang bzw. Schaden vergütet, aber dem Grundeigentümer kein Gewinnanteil zugestanden.
Zu Unrecht werde häufig argumentiert, dass die Bauern öffentliche Beiträge bekommen, und daher eine gewisse Offenheit für andere Nutznießer dargebracht werden solle. Aber wer in Südtirol bekomme keine Beiträge?
Der Bauer hat nicht nur wenig Rechte, sondern ihm können sogar noch Pflichten auferlegt werden. Es hat Fälle gegeben, wo die Bauern aufgefordert wurden, Hangsicherungsarbeiten durchzuführen.
Grundeigentümer haben nur bedingte Mitspracherechte, werden aber bei Unfällen auf ihrem Eigentum rechtlich belangt. Dies betrifft beispielsweise die Mountainbike-Problematik.
In seiner Schlussfolgerung meinte Mayr, dass der Trend zu einer immer intensiveren Nutzung der Landschaft hin gehe. Es sei unbestreitbar, dass es den Tourismus braucht. Allerdings solle auch der Grundeigentümer mitberücksichtigt werden:
1. Nutzungsabsichten sind zunächst mit den Grundeigentümern abzusprechen, bevor die Planungsphase eingeleitet wird.
2. Risiken sind über Rechtsschutz- und Haftpflichtversicherungen abzudecken.
3. Der Südtiroler Bauer befindet sich in einer schlechten Ertragslage: daher soll angedacht werden, für verschiedene Nutzungen des Privateigentums Entschädigungen zu zahlen.
Mayr hofft auf eine Regelung, wo die Besitzer in Zukunft nicht als Letzte genannt, aber zumindest als Erste gefragt werden.
In der anschließenden Podiumsdiskussion kamen verschiedene Ausführungen der Referenten zur Sprache. In seinem Abschlussstatement meinte der Präsident des Südtiroler Forstvereines, Josef Schmiedhofer, dass durch eine vernetzte Planung, Aufklärung der Naturnutzer, Lenkungsmaßnahmen, Kontrolle und eine Stärkung der Grundeigentümerrechte möglich sei, die touristischen Trends in Zukunft im Sinne einer naturverträglichen Landschaftsnutzung umzusetzen.