Hat Südtirol genügend Energieholz?
Bericht: Dr. Josef Schmiedhofer
1993 wurden in Rasen und in Olang die beiden ersten Fernheizwerke Südtirols erbaut. Seither entstehen immer mehr Biomasseheizwerke in Südtirol. Heute sind es schon über 60. Doch kann der daraus entstehende zunehmende Bedarf an Biomasse auch aus den Südtiroler Wäldern gedeckt werden? Dieser Frage ging schon 1994 eine Studie nach. Seither sind mehr Hackschnitzelheizungen gebaut worden als je angenommen und somit der Bedarf bedeutend höher als ursprünglich angenommen.
Andererseits ist die Holzmenge, die direkt vom Wald kommt, viel geringer als geschätzt. Die Ursachen sind schlechte Arbeitsorganisation, großer Arbeitsaufwand, hohe Bringungskosten, wenig Arbeitskräfte und geringe Erlöse. Einen wesentlichen Beitrag zur Versorgung der Heizwerke liefern die Sägewerke.
Die vorliegende Erhebung erfasst die Situation 2009 und bezieht sich auf die biomasse-betriebenen Fernheizwerke. Daneben gibt es aber noch eine große Menge an privaten oder firmeneigenen Bioheizwerken ganz unterschiedlicher Größe, die hier nicht erfasst wurden. Von 1992 bis 2005 sind über 5.500 Anlagen kleiner und mittlerer Größe in Betrieb gegangen. Die dort erzeugte Energie beläuft sich schätzungsweise auf ein Drittel der Energie aus den Fernheizwerken.
Situation 2009
Im Jahr 2008 wurden in den Südtiroler Hackschnitzelfernheizwerken fast 1.000.000 Srm Biomasse verbraucht. Dabei stammten etwa 19% der Biomasse direkt aus heimischen Wäldern.
Obstbau und Flurgehölze lieferten 0,7% des Bedarfes . Südtirols Sägewerke lieferten etwa 32 %.
Biomasse aus dem Wald
Der Zuwachs in Südtirols Wäldern beträgt ca. 953.000 Vfm. Bei einem Hiebsatz von 543.000 Vfm wurden in den letzten Jahren im Durchschnitt 530.000 genutzt. Davon fallen ca. 45% als Biomasse an. Etwa 1/3 davon (190.000 Srm) werden der thermischen Verwertung in den Biomasseheizwerken zugeführt. Der Rest sind Stock-, Ast- und Faulholz, Rinde und Aufarbeitungsverluste. Ein Teil der Biomasse wird privat als Brennholz verkauft oder im eigenen Ofen verheizt.
Abbildung 1: Biomasse aus dem Wald

Biomasse aus landwirtschaftlichen Kulturen
Jährlich wird mit einem Zuwachs von 40.000 Vfm bei den Obst- und Flurgehölzen gerechnet. Davon werden ca. 9.000 Vfm genutzt – 7.000 Srm gingen an die Biomasseheizwerke. Wie bei der Biomasse aus dem Wald wird viel privat als Brennholz verkauft. Der Großteil bleibt liegen oder wird aufgehäckselt und bleibt als Mulch in den Kulturen. Dies gilt vor allem für die heute üblichen kleinwüchsigen Anlagen.
Abbildung 2: Biomasse aus landwirtschaftlichen Kulturen
Biomasse aus den Sägewerken
In den Südtiroler Sägewerken sind 2008 beim Einschnitt etwa 570.000 Srm an Holznebenprodukten angefallen (Hackschnitzel, Rinden, Spreißel und andere Produkte). Gut ein Viertel davon (150.000 Vfm) wird in den eigenen Werken verbraucht, 17 Prozent (100.000 Vfm) werden anderen Bereichen (Weiterverarbeitung und Zwischenhandel) zugeführt. Mehr als die Hälfte (320.000 Srm) geht an Biomasseheizwerke.
Abbildung 3: Biomasse aus den Sägewerken

Biomasse aus der Zweitverarbeitung (Industrie)
In der Südtiroler weiterverarbeitenden Holzindustrie fallen ungefähr 290.000 Schüttraummeter als Nebenprodukte an. Die Betriebe verbrauchen davon etwa 30% selbst. Der Großteil geht an andere Industriezweige (Platten- und Papierindustrie) oder wird immer mehr für die Herstellung von Holzpellets verwendet. Nur etwa 20% (60.000 Srm) sind für die Biomasseheizwerke bestimmt.
Abbildung 4: Biomasse aus der Zweitverarbeitung
Perspektiven
Die derzeitige Situation schöpft bereits jetzt das verfügbare Potenzial ab. Aus dem Wald allerdings könnte eine erhebliche Menge an Biomasse zusätzlich bereitgestellt werden. Es gibt genug Wälder wo kaum oder sehr wenig genutzt wird.
Der mengenmäßig wichtigste Biomasse-Lieferant für Fernheizwerke sind die Sägewerke. Die Wirtschaftskrise und der Generationswechsel führen zur Schließung einiger Werke, andere Sägewerke schneiden momentan weniger als üblich ein. Somit wird von diesen Lieferanten in nächster Zeit eher weniger Biomasse zu erwarten sein als bisher.
Abbildung 5: Überblick über die Biomassebereitstellung in Südtirol von 2003 bis 2008

Bleibt also die Zufuhr aus angrenzenden Regionen: Tirols Großsägewerker haben einen Teil der Produktion in die neuen Werke in Deutschland verlagert. Ein Transport von Hackgut von diesen Werken scheitert an den Kosten. Zudem setzen immer mehr Sägewerke auf eine eigene Verwertung des Hackgutes.
Die Krise in den Plattenfabriken und der Stillstand des SICET Werkes in Longarone haben den Markt 2008 in Oberitalien entlastet und daher war noch genügend Material vorhanden. Ob dies auch in den nächsten Jahren der Fall sein wird, bleibt offen.
Es muss aber längerfristig gelingen mindestens 2/3 des Bedarfs in Südtirol direkt vom Wald und den lokalen Sägewerken zu decken! Der Rest kann über den Großhandel oder über benachbarte Regionen zugekauft werden.
Fest steht aber auch, dass wir mit dem heutigen Biomassenbedarf an Grenzen gestoßen sind und dass zusätzliche Werke vermehrt Abhängigkeiten von anderen Regionen schaffen!
Abbildung 6: Entwicklung der Biomasse-Bereitstellung - Situation 2003 (oben) und Situation 2008 (unten). Die Menge der in Südtirol bereitgestellten Biomasse belief sich 2003 auf 258.000 m3 und konnte bis 2008 auf 577.000 m3 gesteigert werden. Der Biomasse-Bedarf hat sich im selben Zeitraum aber mehr als verdreifacht. Entsprechend groß ist der Fehlbetrag, die Menge an Biomasse also, die importiert werden muss. Er ist von 35.000 Srm im Jahr 2003 auf 423.000 Srm im Jahr 2008 gestiegen.

Wie kann das Biomassenangebot gesteigert werden?
Zunächst muss versucht werden, das bestehende Biomasse-Potential noch besser zu nutzen. Gerechte Preise und eine bessere Organisation der Waldbauern zur Vermarktung von Biomasse würden sicher dazu beitragen, das Angebot zu verbessern. Außerdem kann das Potential weiter gesteigert werden, indem Sortimente wie das schlechtere Kistenholz, das ohnehin wenig Rendite bringt, für die Herstellung von Hackgut verwendet werden. Auch die Anlage von Biomasse-Plantagen auf Grenzertragsstandorten oder die Verwertung der Äste könnte das Angebot steigern. Ein großer Hoffnungsträger ist der Südtiroler Agrar- und Maschinenringservice (SAM) welcher hier eine wichtige Rolle spielen kann. Der Maschinenring könnte zusätzlich etwa 100.000 Vfm in Südtirols Wäldern welche mangels Interesse von Seiten der Besitzer momentan ungenutzt bleiben, ernten und damit etwa 120.000 Srm Hackgut auf den Markt bringen. Eine bessere Organisation unter den Waldbesitzern könnte für weitere 100.000 Srm sorgen. Damit könnte etwa 1/3 des Gesamtbedarfs an Biomasse direkt aus dem Wald gedeckt werden.
Beim Handel mit Hackgut kämpft man nach wie vor mit organisatorischen Problemen. Für die Heizwerke ist es wichtig, mit der Lieferung konstanter Mengen zuverlässig rechnen zu können. Dies kann mit entsprechenden Verträgen und Zusammenschlüssen der Lieferanten gewährleistet werden. Die Lieferung sollte möglichst in den Wintermonaten erfolgen. Außerdem spielt die Qualität des Hackgutes eine wesentliche Rolle – es sollte trocken und sauber sein. Trockenes Hackgut hat einen wesentlich besseren Brennwert. Bei entsprechenden Preisen könnte eine Vortrocknung des Holzes bzw. Hackgutes interessant werden und damit große Mengen eingespart werden.
Bei der Biomasse aus dem Wald muss die Art und Weise des Transports geklärt werden und wie und wo die Zerkleinerung des Holzes am günstigsten statt findet bzw. wer sie übernimmt – im Wald, zentral, Bauer, Heizwerk oder Dritte.
Auch bei der Abrechnung des Gewichtes gibt es noch Probleme. Die sinnvollste und gerechteste Art der Abrechnung berücksichtigt die Feuchtigkeit der gelieferten Ware. In Südtirol stehen derzeit aber weder Geräte für die Feuchtigkeitsmessung des Hackgutes noch geeignete Waagen zur Verfügung.
Für beide Seiten – Hackgutlieferant und Abnehmer - ist es mit Sicherheit von Vorteil, wenige aber verlässliche Partner beim Verhandeln zu haben. Außerdem ist eine bessere Organisation der Waldbauern wünschenswert.
Die globale Energiesituation, die Kombination von Holz mit anderen umweltfreundlichen nachwachsenden oder bereits vorhandenen Energieträgern, bessere Technologie mit höherer Energieausbeute – all diese Faktoren werden entscheiden, ob in Zukunft das Modell Biomasse ein Erfolgsmodell bleibt.
Eines ist aber sicher: wenn die eigenen Ressourcen genutzt werden, bleibt die gesamte Wertschöpfung im Land und im Endeffekt wird der Preis der Energie auch entscheidend sein, ob in Zukunft noch zusätzlich zu den bereits vorhandenen Holzreserven weitere Holzreserven erschlossen werden. Sichere Prognosen für die weitere Zukunft zu stellen ist schwierig. Fest steht aber, dass fossile Brennstoffe immer teurer werden und der Trend zum nachwachsenden heimischen Energieträger Holz immer größer wird.