Studie „Südtirols Jugend und die Natur“
Im Schuljahr 1999/2000 wurden in 36 Schulen Südtirols an insgesamt 1630 Grund-, Mittel- und Oberschüler beider Sprachgruppen im Alter von 10 bis 17 Jahren Fragebögen zum Thema Wald und Natur verteilt. Die Ergebnisse der Studie, die von Dr. Rainer Brämer von der Philipps-Universität Marburg und Dr. Ulrike Raffl vom Landesbetrieb für Forst- und Domänenverwaltung betreut wurde, lassen aufhorchen.Unterschiede zwischen den Sprachgruppen
Obwohl die deutsch- und italienischsprachigen Jugendlichen in derselben natürlichen Umwelt leben, unterscheiden sie sich doch zum Teil in deren Bewertung. Diese Unterschiede liegen zum einen in den unterschiedlichen kulturellen Wurzeln, zum anderen in den sprachunterschiedlichen Medien begründet. Hierfür spricht nicht zuletzt der Umstand, dass die deutschsprachigen Südtiroler in den meisten Fällen ähnlich reagieren wie bundesdeutsche Jugendliche. Dabei neigt der deutsche Wertehorizont weit mehr einem engen Verhältnis zur Natur und ihrem Erhalt zu als der italienische. Forstwirtschaft und vor allem die Jagd fanden bei Jugendlichen deutscher Sprachgruppe wesentlich mehr Akzeptanz.Wichtig für die Allgemeinheit: Bäume pflanzen, Wald aufräumen
Einhelligkeit herrschte bei der Bewertung von verschiedenen Tätigkeiten nach ihrer Wichtigkeit für die Allgemeinheit: die Aktivitäten „Bäume pflanzen“ und „Wald aufräumen“ liegen hier an der Spitze, gefolgt von Naturschutzgebieten, Getreideanbau und der Stromproduktion. Es scheint fast nichts Wichtigeres zu geben als den Erhalt des Waldes. 89% der Deutschsprachigen versicherten ausdrücklich, ohne Wald nicht leben zu können.
erart überschwängliche Bekenntnisse wecken den Verdacht, hier werde lediglich unreflektiert eine herrschende Meinung bzw. Moral wiedergegeben. In der Tat klaffen Sagen und Tun doch etwas auseinander: nur 30% wären gerne bereit im Wald Müll zu sammeln, mehr als 50% der Jugendlichen ist es unangenehm, einen Käfer über ihre Hand krabbeln zu lassen, 24% konnten keinen Vogel nennen, der im Wald vorkommt und nur 4% kennen die Farbe einer Fichtenblüte.
Das Schlachthausparadox: Schnitzel ja, Schlachten nein
In der Bewertung des Verhältnisses der Jugendlichen zu Wald und Forstwirtschaft drängt sich der Vergleich mit dem sog. „Schlachthausparadox“ auf, wonach jedermann zwar ein positives Verhältnis zu Rindern und zu Schnitzeln hat, vom Schlachthaus als produktiver Verbindung zwischen beiden aber nichts wissen will. Der Umstand, dass der Mensch zur Sicherung seiner Existenz unausweichlich und ständig auf die Nutzung der natürlichen Ressourcen angewiesen ist, wird vollkommen aus dem Bewusstsein ausgeblendet. Tiere zu schlachten erachten nur 33% als lebenswichtig.
Pflanzen ja, Ernten nein - paradox scheint auch das Verhältnis zur Forstwirtschaft:93% erachten das Pflanzen von Bäumen als wichtig für die Allgemeinheit.
74 % glauben, das Fällen von Holz sei schädlich für den Wald und für 56% ist das Wegräumen von Totholz nützlich.
Unter dem Gesichtspunkt der naturnahen Waldbewirtschaftung verhält es sich aber genau umgekehrt: die Verjüngung des Waldes kann man getrost der Natur selbst überlassen (nur in den seltensten Fällen braucht es dazu die Hilfe des Menschen). Räumt man das Totholz aus dem Wald, gehen damit auch ökologisch wertvolle Kleinlebensräume verloren – keinesfalls nützlich also. In Südtirol werden keine hektargroßen Kahlschläge gemacht, das hierzulande übliche kleinflächige Fällen von Bäumen fördert die natürliche Verjüngung und die Artenvielfalt.